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Nationaltrainer Edi Telser: «Die Schweiz hat ein Nachwuchs-Problem»

Edi Telser Swiss Cycling

Edi Telser hat Jolanda Neff, Sina Frei und Linda Indergand zu Olympia-Gold, -Silber und -Bronze gecoacht. Während sein Rezept für die Elitefahrerinnen in Tokio perfekt aufgegangen ist, sieht er im Nachwuchsbereich grosse Herausforderungen auf die Schweiz zukommen.

Welche Faktoren haben den Dreifach-Sieg der Schweizer Mountainbikerinnen in Tokio möglich gemacht?
Wir waren bis ins Detail vorbereitet, mit Plänen für verschiedene Streckenverhältnisse. Weil wir seit Jahren das Vertrauensverhältnis zwischen den Fahrerinnen und dem Staff aufgebaut haben, konnten wir die nötigen Entscheidungen treffen, zum Beispiel im letzten Moment die Reifen nochmals zu wechseln, weil die Strecke rutschiger war als erwartet. Ausserdem hat sich das jahrelange Fahrtechniktraining bezahlt gemacht.

Die Schweizerinnen gingen im Gegensatz zu vielen anderen nochmals mit den Bikes auf die Strecke. Das hätte sie auch verunsichern können.
Das stimmt und wir haben einige Stürze auf der Besichtigung gesehen. Aber lieber ein Ausrutscher vor dem Rennen als in der ersten Kurve.

Der Olympia-Dreifach-Triumph ist schlicht nicht zu toppen. Wie gehst du damit um
Klar, das Ergebnis kann man nicht überbieten. Die Erwartungen sind immer hoch, das ist nichts Neues für mich und ich weiss, wie realistisch es ist, so ein Resultat zu wiederholen. Meine Aufgabe ist es, aus jeder Athletin das Maximum herauszuholen. Daran hat sich nichts geändert.

Was bedeutet das Glanzresultat für die drei Athletinnen?
Es bestätigt allen dreien, dass sie am Tag eines Grossanlasses ihre Leistung bringen können. Das ist besonders für Jolanda wichtig, die an Olympia- und WM-Rennen schon ein paar Enttäuschungen hinnehmen musste. Jetzt weiss sie, dass sie es kann, und das gibt ihr Sicherheit für die Zukunft.

Was hat sich für dich geändert seit Tokio?
Ich werde häufiger angesprochen und gefragt als früher, sei es an Trainer-Fortbildungen oder in der Öffentlichkeit. Meine Meinung ist häufiger gefragt, als vor Tokio. Dass ich von Unbekannten erkannt und angesprochen werde, ist neu für mich.

Hast du Angebote von anderen Landesverbänden oder Teams?
Ja, ich wurde mehrfach kontaktiert, meistens von Profiteams. Aber für mich kam ein Wechsel nicht infrage. Wir haben ein gutes Team, es gibt spannende und interessante Projekte für die Zukunft.

Hat sich nach den Olympischen Spielen an deiner Funktion bei Swiss Cycling etwas geändert?
Ja, ich bin neu Cheftrainer für alle Ausdauerdisziplinen bei Swiss Cycling: für die Frauen und die Männer, Strasse und Cross Country. Daneben bleibe ich Nationaltrainer der Frauen. Der Leistungssportbereich wächst: Als ich meine Stelle als Nationaltrainer der Mountainbikerinnen antrat, war das ein 30-Prozent-Pensum. Jetzt sind wir zwei Coaches mit Vollzeitstellen, zusätzlich haben die Frauen einen eigenen Fahrtechnik-Trainer.

Welche Rolle spielt Paris 2024 in deiner Arbeit mit den Athletinnen?
Wir Coaches beschäftigen uns schon damit. Wir haben Bilder erhalten vom Hügel, auf dem die Strecke gebaut wird undsehen uns nach möglichen Unterkünften um. Aber in der Arbeit mit den Athletinnen versuchen wir, Paris noch nicht zu thematisieren. Die Qualifikationsphase wird dann noch intensiv genug.

Die meiste Zeit sind die Athletinnen mit ihren Weltcup-Teams unterwegs. Wie viel Einfluss kannst du nehmen?
Ich bin an fast jedem Weltcup-Rennen dabei und mit den meisten Nationalkader-Fahrerinnen mache ich die Streckenbesichtigung und nehme Videos auf, die ich auch den Teams zur Verfügung stelle. Daneben haben wir mehrere Trainingslager, auch während der Saison. Ich halte während des ganzen Jahres engen Kontakt zu den Athletinnen. Die grossen Teams betreuen ihre Athletinnen umfassender. Die kleineren sind froh, dass wir vom Verband sie unterstützen.

Letztes Jahr ist es den Schweizerinnen in den Weltcup-Rennen nicht so gut gelaufen, wie an den Grossveranstaltungen. Hast du eine Erklärung dafür?
Schlecht war die Weltcup-Saison nicht. Oft waren sie nah am Podium und nur wegen kleiner Fehler nicht ganz vorne. Jolanda war zudem verletzt. 2020 waren unsere Fahrerinnen früh top, im September ging dann nicht mehr viel. 2021 haben wir den Formaufbau anders gelegt. So waren sie im Sommer und Herbst in Topform.

Die Teams der Fahrerinnen dürften aber kaum begeistert sein, wenn ihre Athletinnen in der ersten Hälfte der Weltcup-Saison noch nicht in Form sind.
Wir suchen zusammen mit den Teams für jede Athletin den optimalen Weg. Die Teams stehen unter Druck und müssen über die ganze Saison hinweg gute Resultate bringen. Die Grossen können das auf mehr Fahrerinnen verteilen als die Kleineren. Aber was allen klar ist: Im Zentrum stehen die einzelnen Athletinnen. Jede einzelne muss die Bedingungen haben, unter denen sie ihre beste Leistung bringen kann.

Was ist deine Philosophie als Trainer?
Im Mittelpunkt steht für mich, die Athleten mental und physisch weiterzuentwickeln. Jede und jeder bringt die eigene Geschichte mit, auf diese müssen wir als Coaches eingehen. Der Mountainbikesport ist eine Einzelsportart, aber im Team können die Athletinnen voneinander profitieren. Das ist übrigens der grösste Unterschied zu meiner Arbeit für Markenteams. Damals suchte ich Fahrerinnen aus, die sich gegenseitig stärkten. Jetzt erhalte ich die Besten des Landes zugewiesen und muss herausfinden, wie jede aufgrund ihres Charakters von der Gruppendynamik profitieren kann.

Wer hat denn welche Rolle im Nationalteam?
Dazu sage ich nur so viel: Jede bringt sich ein und das funktioniert gut so.

Wie lange wird sich die kleine Schweiz noch an der Spitze halten können, jetzt wo immer mehr Nationen Spitzenfahrerinnen und -fahrer nach vorne bringen?
Im Nachwuchs haben wir tatsächlich ein Problem. Im Moment ist es so, dass in der Elite fast die Hälfte aller lizenzierten Fahrerinnen in der Nationalmannschaft sind. Wir bräuchten drei- bis viermal so viele lizenzierte Juniorinnen, wie wir haben. In Italien hat jede einzelne Region so viele Fahrerinnen wie die ganze Schweiz.

Was tut ihr dagegen?
Wir arbeiten daran, die Basis zu verbreiten. Dafür brauchen wir auch die Vereine. Die Strukturen wären da, aber es bräuchte mehr geleitete Trainings auf Vereinsstufe.

Solange die Schweiz Fahrerinnen an der Weltspitze hat, an denen sich die Jungen orientieren können, funktioniert es auch ohne.
Bis jetzt schaffen wir es den Vorsprung zu halten. Mit den wenigen Fahrerinnen, die wir haben, arbeiten wir extrem hart. Die anderen bewundern uns dafür, wie viel wir mit unserer schmalen Basis erreichen.

Ist der Vorsprung in Gefahr?
Solange wir Weltklassefahrerinnen haben, holen wir das Maximum heraus. Aber wenn es uns nicht gelingt, die Basis zu verbreitern, wird es schwierig, dass wir weiterhin an der Weltspitze vertreten sind.

Edi Telser (47) ist am Fuss des Stilfserjochs aufgewachsen und bis ins junge Erwachsenenalter selber Rad- und Skirennen gefahren. Nachdem er das Team von Colnago gemanagt und Eva Lechner trainiert hatte, wurde er Schweizer National-Coach der Cross-Country-Damen. Telser betreut auch Marlene Reusser, die Olympia-Zweite im Zeitfahren. 2021 gewann der Südtiroler an den Sports Awards die Wahl zum Schweizer Trainer des Jahres.
 

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