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Mit dem Schlafsack über knackige Trails

Cédric Tassan fuhr in seiner Heimat, den südfranzösischen Alpen, eine Singletrail-Tour der Superlative. Nebenbei lieferte er damit den Beweis, dass sich Bike Packing und knackige Abfahrten nicht ausschliessen – gesetzt den Fall, man hält sein Gepäck so bescheiden wie der Franzose.

Bike Packing hat seine kleine, verschworene Anhängerschaft. Im Unterschied zu anderen Formen des Radsports, beispielsweise dem Trailbiking, wurde es bis jetzt nicht zum Massenphänomen. Ein Grund unter anderen könnte sein, dass gerade die Singletrails mit Sack und Pack nicht soviel Spass machen. Dass Bike Packing und knackige Abfahrten durchaus kombinierbar sind, zeigt Cédric Tassan. Der Südfranzose nahm im Frühling 2021 die Reisebeschränkungen zum Anlass, eine Idee zu realisieren, die er schon lange mit sich herumtrug: In seiner Heimat von den Sources Encanaux in den südlichsten Alpenausläufern, verschiedenen Wasserläufen folgend bis ans Meer zu fahren.

Die Abfahrten werden zum grössten Teil Singletrails sein, «nur das ist für mich Mountainbiken», gibt Tassan den Tarif bekannt. Um die technischen Abfahrten geniessen zu können, bindet er seine Matte ans Unterrohr und den Schlafsack an den Lenker. Mehr kommt nicht ans Bike. «Es geht nicht nur darum, das Bike leicht zu halten, sondern auch, das Gepäck vor Steinen, Ästen und Stürzen zu schützen, denen sie am Rahmen ausgesetzt sind.»

Sein Rucksack wiegt 2.5 kg und enthält etwas Kleidung, Reparaturmaterial, einen Wasserreinigungsfilter, eine Stirnlampe, Energieriegel und ein paar weitere Notwendigkeiten. «Wenn man wenig dabei hat, muss man die Route so wählen, dass man immer innert nützlicher Frist eine Ortschaft erreichen kann, wo man Vorräte aufstocken oder etwas reparieren kann», führt er aus. Die Wahl der Strecke sieht er als entscheidend an, um wirklich leicht unterwegs sein zu können. Dabei hilft ihm auch das Klima Südfrankreichs, wo man schon im März das Zelt getrost zuhause lassen kann.

Cédric Tassan und Fotograf Tito Tomasi, ebenfalls mit bepacktem Bike unterwegs, lassen sich von einem Freund auf der Sainte-Baume absetzen und beginnen ihre Tour auf einem überaus ruppigen Trail, der immer wieder mit in den Fels gehauenen Stufen noch steiler wird. Eines ist danach klar: Das Gepäck hält.

Sogar hiken ist möglich

Danach ist pedalen angesagt, es geht über ein Hochplateau, durch einen Wald, den die Einheimischen den «Reliktwald» nennen, weil er im Unterschied zu den meisten anderen noch nie gebrannt hat. Weiter geht es durch die Region Sainte Baume, die viele Wallfahrer anzieht. Dann gilt es noch mehr Höhe zu gewinnen. Zuletzt steigen sie zu Fuss aus einer Schlucht hinaus: «Wir hatten die Velos auf den Schultern und mussten uns auf der einen Seite am Fels festhalten, wobei die Bikes natürlich störten», beschreibt Cédric.

Die Erleichterung, diese heikle Passage geschafft zu haben, wird mit dem ersten Blick auf das noch rund 20 Kilometer entfernte Mittelmeer vergoldet. Doch bis dorthin warten noch einige weitere heikle Kilometer Abfahrt. Wieder sind viele Stufen und äusserst technische Passagen zu meistern, bevor das Terrain etwas freundlicher wird. Weiter unten neigt sich der Berg wieder stärker, bis ein Abschnitt folgt, über den die beiden zu Fuss absteigen. Danach fahren sie, ganz im Geist der Tour in einem trockenen Bachbett, in dem die Herausforderung darin besteht, schnell genug zu fahren, um die Gesteinsbrocken überrollen zu können, aber trotzdem noch rechtzeitig bremsen zu können, wenn es nötig ist.

Kanäle, Schächte und Aquädukte gehören in der wasserarmen Provence im Süden Frankreichs seit Jahrtausenden zum Landschaftsbild. Kurz nach dem trockenen Bachbett stossen Cédric und Tito auf das Ende eines unterirdischen Kanals, aus dem eiskaltes Wasser herausfliesst – die Gelegenheit, die fast leeren Flaschen zu füllen und sich das Schweiss-Staub-Gemisch aus den Gesichtern zu waschen. Ihre Schlafsäcke rollen sie wenig später neben einer Ruine aus, in der Cédric einen Bauernhof erkennt.

Der zweite Tag beginnt mit dem Anstieg, gefolgt von einer Abfahrt in Richtung eines Dorfes namens Signes, dem einzigen in einem weitläufigen Gebiet, das laut Cédric vor allem von Rehen, Gämsen, Wildschweinen und einigen Wölfen bewohnt wird. Nach Signes wollen die beiden Bike Packer, weil es die einzige Möglichkeit weit und breit ist, etwas zu essen zu kaufen. Auf der ganzen Route gibt es abgesehen vom Start- und Zielort nur zwei Dörfer. Umso umfangreicher fällt jeweils der Bäckerei-Einkauf aus.

Ein letzter Aufstieg führt sie auf den Siou Blanc, von wo aus sie nicht nur das Meer, sondern auch schon das Ziel ihrer Route sehen: Toulon. Die Abfahrt führt sie an den Lac du Revest-les-eaux, ein Stausee, der von den Bächen und Kanälen des Siou Blanc gespiesen wird. Er markiert das abrupte Ende eines riesigen Naturschutzgebiets, praktisch am Stadtrand von Toulon. Wenige Kilometer sind es noch bis an den Strand. Da, wo das Wasser der nahen Berge ins Meer fliesst, tauchen Cédric und Tito ins Salzwasser. Cédric resümiert: «Da diese Gegend mein Zuhause ist, kannte ich die meisten Wege. Aber an zwei Tagen praktisch alle aneinanderzureihen, dazu unter freiem Himmel zu schlafen und mich in Bächen zu waschen, war ein einmaliges Erlebnis.» Wobei es nicht einmalig bleiben soll. Cédric kündet schon an, diesen Sommer des öfteren am Rand eines Trails im Schlafsack zu nächtigen.
 
GPX-Track der Route

Cédric Tassans Packliste

Im Rucksack:
- Polartec-Weste von Gore
- Merino-Wäsche: Leggins, Langarm-T-Shirt, Mütze von Northern Playground. Ersatzstrümpfe, Gore-Shirt
- Stirnlampe Zipka
- Reparaturmaterial: Schlauch, Pumpe, Werkzeug, Ersatzschrauben, Kabelbinder etc.
- Flasche mit Katadyn-Filter BeFree 1 l von Hydrapak
- Dünne Schaumstoffmatte zum Schutz der Isomatte von Gossamer
- Rucksackhülle aus Goretex
- 3 MuleBars
Gewicht: 2.5 kg

Am Bike:
- Schlafsack Seat to Summit Spark II, am Lenker befestigt
- Isomatte Sea to Summit Ether Light XT, am Unterrohr befestigt
 

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