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Stirnemann: «Wir wissen gar nicht mehr, welch hohes Level wir haben»
Beat Stirnemann hat 1998 als Nationaltrainer für den Juniorenbereich bei Swiss Cycling begonnen. Nach der Demission von Urs Graf ist er dieses Jahr erstmals für den U23- und Elitebereich verantwortlich und hat bei den Europameisterschaften die beste Schweizer Bilanz aller Zeiten erzielt. Ride hat sich mit dem 49-jährigen Stirnemann über seine Arbeit, das «Geheimnis» des Schweizer Erfolgs und den speziellen EM-Austragungsort Israel unterhalten.

Beat, acht Medaillen in sieben Rennen, davon fünf Goldene, das gab es noch nie.
Das ist ein sehr hoher Level.

Wie fällt dein Fazit aus?
Wenn man den Medaillenspiegel anschaut, dann macht das schon ein wenig Angst, das kannst du nicht mehr toppen. Meine Tochter Kathrin hat am Morgen vor den Elite-Rennen im Spass zu mir gesagt, ich habe es versaut, weil sie nur Silber gewonnen hat. In so einer Bilanz wird ein siebter Platz von Nathalie Schneitter gar nicht mehr richtig geschätzt, obwohl das auch eine starke Leistung ist.

Solche Ergebnisse produzieren Erwartungen und setzen die Athleten für die WM noch mehr unter Druck.
Das sollte kein grosses Problem sein. Die Sportler kommen gut damit klar und wir schaffen ein Ambiente, in dem wir den Druck abbauen. Da sind alles Leute, die wissen worauf es ankommt. Wir haben eine grosse Dichte und so verteilt sich der Druck. Klar sind Erwartungen da, wir müssen auch nach unsere Sponsoren schauen. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass es ein Problem sein sollte mit dem Druck. Bei Thomas Litscher habe ich gedacht, er wäre vielleicht am Druck zerbrochen, aber es hat sich heraus gestellt, dass er in der Nacht Fieber hatte.

Als verantwortlicher Coach kannst du dir die Erfolge das auch ein wenig ans Revers heften.
Schlussendlich sind es natürlich die Athleten. Wir haben hier einen neuen Mechaniker dabei, Björn Fischer. Der hat schon gestaunt, wie professionell der ganze Ablauf ist, die Planung und die Rennvorbereitung. Ich glaube wir merken gar nicht mehr, welch hohen Level wir haben. Für die WM werden wir übrigens erstmals drei Mechaniker mitnehmen, weil wir nach dem Weltcup in Windham mit viel Arbeit rechnen. Wir werden erstmals auch drei Physios mitnehmen, um der Bedeutung von Schurters Weltmeistertitel gerecht zu werden. Damit die Elite nirgends anstehen muss. Das muss trotz unserer knappen Finanzen einfach sein.

Was ist das im Einzelnen?
Ich glaube, es fängt an bei der guten Stimmung. Die Teamleader, wie ein Ralph Näf, der immer für einen Spass gut ist, aber trotzdem die Ernsthaftigkeit für den Spitzensport auch sieht. Es ist ein ganz guter Mix zwischen Fun und zu wissen, wofür sind wir eigentlich da. Das gibt eine gewisse Lockerheit, die sich auf den Athleten und seine Leistung auswirkt. Dass das funktioniert, braucht es im Hintergrund einen Organisator.

Wer ist das?
Wir haben hier einen neuen dabei, den Delegationschef Thomas Peter. Der macht einen super Job im Hintergrund. Er kauft ein, kocht, was sich die Sportler wünschen, es ist einfach immer alles super organisiert.

In anderen Nationen blickt man häufig neidisch auf die Organisation des Schweizer Teams, das war schon bei Urs Graf so.
Das ist vielleicht die Genauigkeit einer Schweizer Präzisionsuhr, ich weiss auch nicht. Vielleicht sind wir etwas trocken angezogen, vielleicht nicht so cool wie andere, der Schweizer ist einfach so.

Urs Graf war ein Radsportler, du bist es auch. Vielleicht wisst Ihr einfach was ein Sportler braucht?
Ich bin kein Radsportler. Ich habe 20 Jahre in der zweiten Liga Handball gespielt, auch als Spielertrainer. Erst in einem gewissen Alter habe ich zum Radsport, zum Mountainbike gefunden. Urs war ja fast Profi, das habe ich nicht gehabt.

Aber du kommst aus dem Sport und hast dich als Sportler damit auseinander gesetzt.
Ich habe den Club in Gränichen aufgezogen. Eigentlich bin ich mit Florian Vogel gross geworden. Florian hat auf Fahrerseite Karriere gemacht und ich habe mich als Trainer weitergebildet. Das war im Zeitraum 1997 bis 2002. Er war Junior 1999, 2000. Ab 1998 war ich ja Juniorennationaltrainer.

Als jemand der von einer Mannschaftssportart kommt, wie siehst du da die Individualsportart Mountainbike?
Ja, wir haben ja auch hier einen Teamspirit. Ich habe immer versucht mit den Sportlern den Teamspirit zu leben. Auch mal den Fünfer grade stehen lassen, wenn sie ein bisschen später nach Hause gekommen sind. Für mich ist das eine Entwicklung. Sie müssen wissen, was für sie gut ist und nicht immer den Polizisten im Hintergrund haben. Sonst werden sie nie selbstständige Athleten.

Seit du für die U23 und die Elite verantwortlich bist, erlebst du die Sportler nur noch einen kurzen Zeitraum. Da ist dein Einfluss doch gering, oder?
Ja, das ist schon so. Das ist schon ein Change. Bei den Junioren hatte ich mehr Einfluss. Jetzt bei der U23 und Elite bist du eigentlich der Coach. Vor Ort muss es stimmen. Du schaust vielleicht, wenn es Projekte vom Verband gibt, dass du ihnen aufzeigst wofür das gut ist, oder so. Für mich ist das jetzt schon was anderes. Da hast du nicht so viel Einfluss. Anderseits habe ich zum Beispiel im U23-Rennen gesehen, dass sie nicht immer die gute Linie getroffen haben. Auch die Profis, oder Fast-Profis brauchen das an der Strecke auch noch, das ist eine Erkenntnis von der EM.

Zurück zum Unterschied Individualsportler, Mannschaftssportler. Wie nimmst du den Unterschied im persönlichen Bereich wahr?
Ich würde sagen bis zum Startschuss sind sie trotzdem eine Mannschaft. Sie schauen, was macht der andere, kann ich profitieren, was abschauen, wo kann ich helfen. Erst am Start sind sie dann die Einzelsportler. Dann geht es für jeden um sein Ergebnis. Als Einzelsportler bist du für dein Ergebnis allein verantwortlich. Aber im Team-Relay nehmen sie wahr, dass sie eine Verantwortung für die anderen tragen. Diesen Druck sind sie nicht gewöhnt.

Wie wirkt sich das im Trainerjob aus?
Du hast mehr Einzelgespräche.

Redest du viel mit den Sportlern?
Für mein Empfinden zu wenig, aber auch mein Tag hat nur 24 Stunden.

Sind die Sportler offen für eine Ansprache?
Ja, schon. Es ist natürlich ein Geben und Nehmen. Sie müssen offen sein zu mir. Ich bin ja auch der, der selektioniert. Aber ich habe schon den Eindruck, dass sie offen sind. Bei der Elite hast du aber fast keinen Kontakt. Nur wenn ich auf sie zugehe, oder wenn es ganz schlecht geht.

Zu deinen Aufgaben bei einer EM oder einer WM gehört auch, das Umfeld so zu organisieren, dass es den Athleten an nichts fehlt?
Das Wohlfühl-Ambiente bringt eigentlich Thomas Peter im Hintergrund. Ich versuche die Athleten auf den Wettkampf konzentrieren, sie zu beraten in punkto Strecke oder in Israel zum Beispiel wann man die Kühlweste anzieht und so weiter. Für die Räder sind zwei super Mechaniker dabei, das ist nicht meine Sache.

Suchen ein Ralph Näf oder ein Lukas Flückiger auch das Gespräch?
Ja, der Ralph vor allem. Mit Lukas hatte ich einen Tag vor dem Elite-Rennen ein Gespräch an der Strecke. Wir haben kurz über einen Streckenabschnitt gesprochen, den er anders fahren wollte. Ich habe gesagt, geh doch schauen und er ging wirklich schauen. Dann hat er gesehen, dass meine Linie die bessere gewesen wäre. Deshalb denke ich, sie brauchen trotzdem diese Art Coaching, auch wenn sie es am Weltcup normal nicht haben. Bei einer EM oder WM haben wir die Gelegenheit. In Israel habe ich noch keinen grossen Einfluss genommen. Ich habe nur geschaut, wie sie fahren und ich muss sagen, die Frauen fahren besser runter als die U23-Fahrer, also rein von der Linie her. Da habe ich schon noch gestaunt.

Du hast ja keine Festanstellung beim Swiss Cycling.
Nein, ich bin Postkaufmann, im Postraum Aarau bin ich für 300 Briefboten zuständig. Ich arbeite derzeit noch hundert Prozent. Ich nehme mehr als einen Monat unbezahlten Urlaub und meinen normalen Familienurlaub. Deshalb bin ich auch mit meiner Tochter hier (lacht).

Das ist aber doch ziemlich aufwändig.
Ja, deshalb habe ich auch einen Gärtner zuhause. Dafür habe ich keine Zeit mehr. Ich denke, nächstes Jahr muss ich noch mehr mit unbezahltem Urlaub, denn da geht es Richtung Olympia. Es ist das erste Jahr und ich muss erst noch schauen.

Welche Ausbildungen hast du im Trainerbereich?
Ich bin Diplom-Trainer Swiss Olympic, das ist die höchste Trainerausbildung bei der Swiss Olympic. Ich machte zuerst über Jugend und Sport, Jugend-und-Sport-Experte, dann zwei Weiterbildungen bei Swiss Olympic.

Was glaubst du, macht die Schweizer Mountainbiker so stark?
Da sind die Eltern, die Arbeit in den Klubs, auch der Racer Bikes Cup mit den Nachwuchskategorien, wo bei den Kindern das Bike spielen im Vordergrund steht. Was das Training angeht, da kochen wir auch nur mit Wasser.

Aber mit Verlaub, das machen auch andere Nationen.
Ja, wir sind auf einem so hohen Level, dass wir gar nicht mehr wissen, was es ausmacht. Es ist ein farbiges Mosaik. Viele kleine Steinchen ergeben ein schönes Bild. Welches das ist, was im Zentrum steht, kann ich dir nicht sagen. Die Klubs, die Trainer, der Staff und so weiter.

Und was die Trainingsphilosophie angeht? Ist es nicht auch so, dass man in der Schweiz früher angefangen hat, das Training mehr an den Anforderungen eines Cross-Country-Rennens auszurichten und sich verabschiedet hat von der älteren Begriffen aus dem Straßenradsport? Liege ich da falsch?
Ich mache auch Trainingspläne. Ich persönlich sage, drei bis höchstens vier Stunden im Ausdauerbereich reichen. Aber ich weiss, es gibt solche, die machen sechs, sieben Stunden. Christoph Sauser hat das vorgelebt. Er hat aus Minimum-Zeiten das Optimum herausgeholt. Zuerst hat man immer ein wenig über ihn gelächelt, aber er hat die Trainingszeit optimiert. Wenn er auf dem Rad sass, dann hat er qualitativ hochwertig trainiert. Man hat gedacht, er ist faul und so, aber er hat genau das gemacht, was es braucht. Ich denke, er hat schon ein wenig die Richtung angegeben.

Derzeit werden die Olympia-Kriterien ausgearbeitet. Wird das ähnlich aussehen wie vor dem Spielen 2008?
Die WM 2011 wird ein Kriterium sein, zumal sie auch noch im eigenen Land stattfindet. Aber wir wollen es früher abschliessen als 2008. Zwei Monate sollen bleiben, um sich auf London vorzubereiten. Das reicht, um zum Beispiel ein Höhentrainingslager anzugehen. Aber die Details sind noch nicht besprochen.

Die Austragung der EM in Israel war ein kleines Politikum. Wie bewertest du das jetzt im Nachhinein?
Es ist schon speziell hier, das ganze Sicherheitswesen, die Kontrollen. Wenn du in den Supermarkt gehst, wirst du gefilzt, der Kofferraum wird geöffnet. Das sind wir nicht gewohnt. Aber die Israelis haben ihre Erfahrungen gemacht, das muss man respektieren.

Und was die Europameisterschaft selbst angeht?
Sie haben jeden Tag was dazu gelernt. Am ersten Tag hat die Runden-Anzeige gefehlt. Ein Führungsmotorrad gab es nicht und die Siegerzeremonie ist mir persönlich zu wenig feierlich. Aber sonst ist es schön hier. Sie geben sich Mühe, die Strecke ist meisterschaftswürdig und insgesamt läuft es gut.

Aber man musste keine Angst haben?
Nein, überhaupt nicht. Mich hat beim Elite-Rennen auch erstaunt wie viele Leute da waren, damit hätte ich nicht gerechnet. Sie kommen auch auf dich zu, sprechen dich an, fragen wer das ist und feuern ihn dann an. Es ist für uns spannend in so einem Land.

Meldung vom 13. Juli 2010 (Autor: tg )
 

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