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SM Les Crosets: Nachbetrachtung und Kuriositäten
In allen Disziplinen des Bikesports die Meister an einem Wochenende und an ein und demselben Ort zu ermitteln – für dieses Konzept sprechen einige Argumente. Die Region Portes du Soleil eignet sich dafür ideal: In Les Crosets wurde mit Hilfe von Janez Grasic ein 4-Cross-Parcours erstellt, der Downhill und Teile der Crosscountry-Runde führten ebenfalls über permanente Pisten, und die Betreuer der Teams konnten von der Sesselbahn profitieren, um zum höchsten Punkt der Strecke zu gelangen – eine komfortable Sache. Das Bild wurde nur vom ungestümen Wetter in den Walliser Alpen gestört, welches zu Programm änderungen zwang. Und von einem gewissen Hang zu lateinischer Improvisation, der einigen Deutschschweizern gehörig an den Nerven zehrte.



Trotz aller Diskussionen: Heisse Rennen, würdige Meister

Im Vorfeld der Meisterschaften war einiges spekuliert worden: Wer tritt überhaupt zu den Titelkämpfen an, und wer mit vollen Ambitionen? Als die Rennen liefen, war dies kein Thema mehr: Die Aktiven boten Bikesport auf höchstem Niveau und spannende Rennen, und zudem hatten einige Topfahrer sich im letzten Moment doch noch zum Start an der SM in Les Crosets entschieden: Für die Einheimischen war vor allem der Phonak-Profi Alexandre Moos von Belang, der einmal mehr nach dem Meistertrikot der Biker greifen wollte. Insider der Rennszene staunten dagegen über einige Namen, die man nicht ohne weiteres auf den Start- und Ranglisten erwartet hätte: Die Geschwister Lari und Sari Jörgensen gaben ein glänzendes Comeback mit drei Meistertiteln, und Roger Rinderknecht unterbrach seine BMX-Renneinsätze an EM und WM, um sich den Meistertitel im 4Cross zu sichern.



4Cross: Unfälle im Training, Rennabsage wegen Sintflut

Besagte 4Cross-Strecke sorgte für Diskussionen. Sie bot einen gelungenen Mix aus schnellen Passagen, Anliegern und Sprungkombinationen. Hier machte sich das Engagement von Janez Grasic beim Streckenbau bezahlt. Allerdings war dieser erst spät an die Hand genommen und zudem immer wieder von starken Regenfällen begleitet worden. So war bereits das Fundament der Strecke durchnässt, wodurch die Sprunghügel zu weich wurden. Diese Tücken der Strecke forderten im Training und in der Qualifikation Opfer: Chris Egelmair versäbelte sich nach einem zu weit geratenen, ins Flat gesetzten Sprung eine Achillessehne. Der zweifache Dualcup-Saisonsieger Manuel Rauch brach sich bei seinem Abgang über den Lenker das Schlüsselbein. Und Domi Gspan wusste nach seiner Bodenprobe nicht mehr so genau, wo er war und warum er nach Les Crosets gereist war – Diagnose Hirnerschütterung, trotz Vollvisierhelm. Die Rennabsage war von dem her die einzig sinnvolle Entscheidung.



Chaos bei der Downhill-Qualifikation…

Für Aufregung unter den Aktiven sorgte auch die Startreihenfolge im Downhill-Training: Elite und Fun-Fahrer, Männlein und Weiblein, Masters und Junioren nach dem Zufallsprinzip gemischt, das sorgte vor allem bei der Elite für Unmut. Zu gross das Risiko, sich wegen rollender Hindernisse vor der Nase eine schlechte Qualizeit einzuhandeln, denn der Parcours bot kaum Überholmöglichkeiten. Darauf setzte hektische Betriebsamkeit im Rennbüro ein, und eine nach Kategorien separierte Startliste wurde erstellt – mit dem Resultat, dass Claudio Caluori innert fünf Minuten vom Rennbüro im Tal zum Start der Mossette-Strecke hätte gelangen müssen – das wär bloss per Helikopter möglich gewesen. Also wurde doch wieder nach der ursprünglichen Kuddelmuddel-Startliste gefahren. Dies als Beispiel für die lateinische Improvisationsgabe, die seitens der Deutschschweizer nicht goutiert wurde.



...und ein kleiner Eclat bei der Siegerehrung

Viel zu reden gab das Junioren-Rennen der Downhiller: Wie bei allen iXS-Downhillcup-Läufen in dieser Saison auch startete Lars Peyer bei den lizenzierten Junioren, obwohl er nach Reglement noch ein Jahr zu jung ist. Zu Beginn der Saison hatte die UCI ein Gesuch Peyers um eine Ausnahme abgelehnt – angesichts der Fahrkünste von Lars Peyer ein fragwürdiger Entscheid. Das hinderte Swiss Cycling aber nicht, ihm eine Lizenz zu verkaufen. An der SM sollte besagte Lizenz aber plötzlich keine Gültigkeit mehr haben, Lars wurde als Fun-Fahrer gewertet. Als der an seiner Stelle ins Meistertrikot eingekleidete Damien Udry sich übers Speaker-Mikrophon an Lars, die Fahrerkollegen und die Zuschauer wenden wollte, wurde dies von Verbandsoberen tumultartig unterbunden. Die folgende Solidarisierung der drei Medaillengewinner mit Lars Peyer konnten die Funktionäre aber genauso wenig verhindern wie laute Pfiffe und Buhrufe am Ende dieser Siegerehrung. Oder die Tatsache, dass Udry das Meistertrikot nach verlassen des Podiums sofort und demonstrativ wieder auszog. Dieser Misston sass, und zwischen Peyer und dem Verband dürfte einiger Diskussionsbedarf bestehen – falls die Akteure so bald wieder miteinander reden, zumindest.



Damien Mermoud: Der Champ als Strahlekäfer

Als Kontrast dazu sorgte der frischgebackene Schweizermeister Damien Mermoud schon bei der Siegerehrung mit ungezügelter Freude und einer heftig geschwenkten Genfer Fahne für ausgelassene Stimmung. Offenbar hatte er es am Samstag mit dem Feiern seines Titels nicht übertrieben, denn tags drauf liess Mermoud es sich nicht nehmen, zum Crosscountry-Rennen der Elite zu starten. Selbstverständlich in weit geschnittener Freeride-Kluft, mit Beinprotektoren, Skate-Schale auf dem Kopf und einem Giant-Endurobike unterm Hintern. Bis er als Überrundeter aus dem Rennen genommen wurde, sorgte Mermoud auf der rasanten Abfahrt und im Zielgelände für jede Menge Show und Action – sowieso, wenn eine Kamera in Sichtweite war. Einer der weiss, was das Publikum und die Photographen sehen wollen.



Moos' Griff nach dem Meistertrikot wieder gescheitert

Die meisten Zuschauer und Pressevertreter aus der Romandie waren am Sonntag allerdings nach Les Crosets gepilgert, um einen der ihren anzufeuern. Denn Alexandre Moos stammt aus dem Unterwallis und wollte einmal mehr nach dem Titel des Bikemeisters greifen. Wie schon in den Jahren zuvor reichte es dem starken Bergfahrer aber nur zu einem Platz nahe am Podium. Zunächst war Moos der einzige, der einigermassen mit Ralph Näf mithalten konnte. Aber je länger das Rennen dauerte, desto langsamer fuhr der Strassenprofi hoch, und auch bergab fehlte ihm das letzte Bisschen an Stilsicherheit. So wurden seine Fans am Streckenrand mit jedem Rang, den Moos verlor, ein wenig ruhiger. Der Speaker dagegen wurde nicht müde, von Moos zu sprechen, und auch nach der Siegerehrung standen nur zwei (Bike-)Journalisten beim neuen Schweizermeister, während nicht weniger als vierzehn Medienschaffende Alexandre Moos belagerten. Ausser Moos nix los oder: Viel Lärm um einen Viertplatzierten.



Trial: Mitten drin – und irgendwie doch nicht dabei

Ein Opfer des dichtgedrängten Programms wurden die Wettkämpfe der Trial-Fahrer: Deren Hindernisparcours lagen zwar alle zentral in Les Crosets, aber teilweise so nah an den Rennstrecken, dass kaum noch Platz für Zuschauer blieb. Besser noch: Die Trialfahrer kamen auf dem Weg zu und von den Posten teilweise den Crosscountry-Rennen in die Quere, so an der Verpfelgungsstation. Eine der Fahrerinnen musste drei Trialisten lautstark und ziemlich energisch dazu überreden, doch bitte Platz auf der Rennstrecke zu machen und nicht zu dritt nebeneinander auf dem Parcours rum zu gurken. Etwas mehr gegenseitige Rücksichtnahme wäre bei den engen Platzverhältnissen im Talkessel von Les Crosets sicher nicht fehl am Platz gewesen – wobei absoluten Vorrang zu geniessen hat, wer sich mitten im Wettkampf befindet.



CC-Strecke mit Schlechtwetter-Tücken

Verschiedene heftige Gewitter und Sommer-Regenschauer sorgten für Hochbetrieb bei der Bike-Reinigungsstation. Am übelsten spielte das Wetter den U23-Fahrern mit: Während Lance Armstrong am Fernseher aufs Plateau de Beille hinauf flog, sank die Sichtweite draussen wegen eines heftigen Regenschauers auf unter hundert Meter. Dieser Schlechtwetter-Einbruch machte die Abfahrt noch einmal tückischer, was Florian Vogel zum Verhängnis wurde: Nachdem der Topfavorit lange geführt hatte und in der vierten von sechs Runden von Martin Gujan eingeholt worden war, kam er auf der rutschigen Holzbrücke am Ende der Abfahrt zu Fall und stürzte ins Bachbett. Vogel musste das Rennen darauf mit einer Hirnerschütterung aufgeben, die kleine Holzbrücke wurde für die Rennen vom Sonntag mit einem Vlies entschärft. Warum kein Funktionär bei der Streckenabnahme diese Brücke als gefährlich beanstandet hatte, war den meisten Anwesenden schleierhaft.



Mit gebrochener Hand zu Silber - die Leiden des Martin G.

Als Martin Gujan am Sonntag Nachmittag mit einem Gips am linken Arm das Rennen der Elite verfolgte, fragten manche Scherzkekse, ob im Team Koba nach dem Doppelsieg bei den Espoirs zu wild gefeiert worden sei. Der Grund für den Gips war aber ein anderer: Nachdem er die Führung unter misslichsten Bedingungen von Florian Vogel erobert hatte, kam auch Gujan auf der enorm rutschigen Strecke zu Fall und brach sich dabei den Mittelhandknochen der linken Hand. Was andere zur Aufgabe gezwungen hätte, kostete Gujan nur die Goldmedaille: Im letzten, langen Anstieg konnte Gujan das Tempo seines letzten Begleiters nicht mehr halten und musste abreissen lassen. Aber der Titel blieb im Team: Denn es war Lukas Flückiger, der den handicapierten Prättigauer in der letzten Runde noch überholen konnte.



Und wo war denn da das Pressenzentrum?

Last but not least war die Arbeitssituation für die anwesenden Journalisten nicht gerade optimal. Sicher, es ist nett, wenn man zwischen zwei Rennen mit der Sesselbahn den Berg hoch fahren und darauf auf einer präparierten Strecke runter ballern kann. Nützlicher wäre es aber gewesen, wenn es ein eigentliches Pressezentrum mit Zugang zum Internet gegeben hätte – denn Berichte zum Rennverlauf kann man telephonisch in die Redaktionsstube melden, Bilder von der Action aber nicht. Schliesslich bewies Martin Platter Spürsinn: Diesmal fand der Korrespondent der deutschen Bike trotz der Anwesenheit des Phonak-Profis Alexandre Moos keinen heimlich entsorgten Güselsack, sondern eine Wirtin, die ihren PC mit Internet-Zugang grosszügig zur Verfügung stellte – allerdings ohne Rücksprache mit der Rennorganisation. Hier haben frühere Meisterschaften andere Standards gesetzt.

www.bikepark.ch
www.bike-forum.ch
www.datasport.com

Meldung vom 19. Juli 2004 (Autor: red )
 

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