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Zu Besuch bei Quinter Engineering: «Ich gebe Ideen eine Form und Funktion»
Die aktuellsten Bikes stehen an den Messen und in den Shops im Rampenlicht, die Entwickler dieser Erzeugnisse sind jedoch kaum bekannt. Marco Quinter betreibt in der Schweiz eine junge und innovative Unternehmung, die Entwicklungs- und Konstruktionsdienstleistungen im Bike-Bereich anbietet. Renommierte Schweizer Fahrradhersteller setzen auf Quinters Denkfabrik.

«Ja, ich habe einen Traumjob. Aber jetzt bin ich nicht nur Konstrukteur, sondern auch Unternehmer mit meiner Firma Quinter Engineering GmbH». Die Bike-Welt sei sehr kurzlebig und durch die Selbständigkeit werde der Druck zusätzlich erhöht, sagt Marco Quinter beim Besuch in seiner Wirkstätte in Marthalen (ZH). Quinters Leidenschaft als Entwickler blitzt erstmals im Jahr 2006 durch, als er beim Entwicklungsdienstleister Futec für BMC Fahrräder wie das Supertrail oder das Trailfox entworfen hat. Einige Jahre als Elite-Amateur und Mitglied der Junioren-Nationalmannschaft auf dem Mountainbike, die Berufsausbildung zum Feinmechaniker sowie das Studium zum Techniker TS geben Quinter das zusätzliche Rüstzeug, um Bikes zu konstruieren, die auf nationaler und internationaler Ebene für hohe Aufmerksamkeit sorgen.  

Vom Freelancer zum Unternehmer

Quinter beherrscht nicht nur die Konstruktion von Bikes, sondern weist auch Erfahrung im Maschinenbau aus.«Zuerst habe ich neben meiner Arbeit als Maschinenbauer als Freelancer für Futec gearbeitet. Im Jahr 2006 habe ich entschieden, voll auf die Fahrrad-Entwicklung zu setzen. Ich verbrachte tolle und lehrrreiche Jahre bei Futec. Die Futec-Aufträge für BMC waren anspruchsvoll, da dort der Design-Anspruch besonders hoch ist. Es war oft schwierig, diesen Ansprüchen ohne technische Einbussen gerecht zu werden. Das Spannungsfeld zwischen den Exponenten von Konstruktion, Design und Marketing war zeitweise eine grosse Herausforderung für mich, hat die Arbeit aber besonders interessant gemacht».  

Quinter beschreibt die zurückliegende Arbeit zwischen BMC und Futec als sehr eng, es habe nahezu fliessende Übergänge zwischen den beiden Betrieben gegeben. Doch im Herbst 2009 gründete BMC eine eigene Entwicklungsabteilung. Mit der Folge, dass Futec ein grosser Teil der Arbeit in der Bike-Entwicklung- und Konstruktion wegbrach. «Wieder musste ich mich entscheiden, ob ich der Branche als Fahrrad-Entwickler treu bleibe».

Der Rohling eines Pletscher-Gepäckträgers und die dazugehörige Gussform. Marco Quinter ist beteiligt an der Entwicklungsarbeit bei Pletscher.Denn Futec musste nach der Trennung von BMC auch andere Arbeitsfelder abseits der Velosparte suchen. In Absprache und im Einvernehmen mit Futec hat Quinter vorab abgeklärt, ob jemand mit ihm zusammenarbeiten möchte, wenn er sich als Konstruktionsdienstleister selbständig machen werde. «Da die Firma Pletscher in meiner Wohngemeinde produziert, habe ich dort angefragt, ob es einen Bedarf für einen Entwickler gibt. Ich wusste, dass Pletscher eine hauseigene Entwicklungsabteilung unterhält und die Druckguss-Formen aufwendig zu Konstruieren sind. Ich wurde mit Pletscher handelseinig, hatte durch diesen Auftraggeber eine gute, erste Auslastung und wagte den Schritt in die Selbständigkeit.»  

Aus der Konstrukteurs-Feder von Quinter: der neueste Sprössling von Stöckli, das 29er Hardtail «Beryll»Im Jahr 2010 ging Thomas Steeger von Stöckli Swiss Sports auf Quinter zu, da man beim Wolhusener Bike-Hersteller einen Entwicklungspartner suchte. Steeger war auf der Suche nach einem neuen Konstrukteur, der ein Projekt für ein neues Bike vollständig durchziehen kann, inklusive der Kommunikation mit den Produzenten in Taiwan und China. «Für Stöckli habe ich das neue 29er-Hardtail Beryll - zusammen mit dem bestehenden Productmanagement-Team - auf die Beine gestellt. Das Vorgehen gestaltete sich wie bisher: Ich erhalte vom Marketing ein Pflichtenheft, das den Einsatzbereich und Eckpunkte wie beispielsweise den Federweg umreisst. Dann erstelle ich ein Skelett als Vorschlag mit der Geometrie, Kinematik und den Anlenkungspunkten der Federung. Dann geht es in vielen einzelnen Schritten weiter, um das optimale Ergebnis zwischen den Eckpunkten Marketing, Konstruktion und Design herauszuholen. Dieses erste Projekt war für Stöckli wie mich so positiv, dass ich mich nun zukünftig intensiv um sämtliche Neuentwicklungen aus Wolhusen kümmern darf. Das freut mich besonders, da ich mich mit Stöckli aufgrund des starken Bezugs zum Rennsport besonders stark identifizieren kann».

«Es basiert eigentliches Alles auf Vektorgeometrie»

Bike-Konstrukteur Marco Quinter: «Bei der Geometrie und Kinematik von Bikes basiert eigentlich alles auf Vektorgeometrie» Und woher bezieht Quinter das Wissen rund um Geometrie, Kinematik und Fertigungstechnik? «Bei der Geometrie und Kinematik ist eigentlich alles Vektorgeometrie», antwortet Quinter feixend und stappelt trotz reichem Know-How tief. «Durch meine langjährige Praxiserfahrung im Maschinenbau habe ich eine gute Basis - das ging schnell mit der Umstellung auf Fahrräder. Auf der Basis des Excel-Programms habe ich selbst eine Software entwickelt, um die Einfederungskurven zu simulieren und miteinander ins Verhältnis zu setzen.» Mit dieser hauseigenen Software klärt Quinter ab, wie sich die Kettenlänge beim Einfedern des Hinterbaus verändert und wie sich die Progressivität des Fahrwerks gestaltet. «Ich will Varianten mit progressivem oder degressivem Fahrwerk durchrechnen und simulieren oder testen, wie das Bike mit Bremsnicken reagiert. Mein Simulations-Programm korrespondiert mit dem CAD-System Solidworks. Eine Grundskizze eines Bikes ist als Excel-Datei in Solidworks hinterlegt - jede Änderung am Fahrrad wird nachgerechnet und zeigt an, wie sich das auf die Federwege und die Fahreigenschaften auswirkt.»  

Neben der minutiösen Arbeit am Rechner setzt Quinter auch auf die Erfahrungen im Wettkampf. «Ich fahre immern noch sporadisch lokale Rennen, neben Strassenrennen will ich auch Mountainbikes im Wettkampf testen. Die Rennsituation ist unersetzlich. Wenn mir die Stöckli-Profis Urs Huber und Konny Looser die Rückmeldung über ein leichtes Bremsflattern geben, dann will ich das selbst auf der Rennstrecke erleben. Nur in der Rennsituation kommen die Schwächen einer Konstruktion richtig zum Vorschein».  

Arbeiten unter hohem Druck

Auch im Angebot von Quinter Engineering: Rapid Prototyping. Dieser Rahmen wurde ausgehend von 3D-CAD-Daten mittels einem 3D-Printer als masstabgetreues Funktionsmuster in kurzer Zeit aus Kunsttoff hergestellt. «Trotz der Visualisierung durch 3D-CAD-Systeme ist es wertvoll, ein physisches Bauteil in den Händen zu halten. Der Kunde kann eine Neukonstruktion so am besten beurteilen», so Quinter.Quinter durchlebt in den Wintermonaten die Arbeitsspitzen bei der Bike-Entwicklung. Er beschreibt das Innovationstempo und den Druck auf den Konstrukteur sowie den Productmanager als sehr hoch. Neue Standards wie Press-Fit-Innenlager oder Steckachsen seien ein Muss, ohne rasche Innovationen sei man schnell weg vom Markt-Fenster. Auch der Zeitraum vom Entwurf zum Bike im Fachgeschäft gestalte sich sehr kurz: «Vom Pflichtenheft im Oktober braucht der Produzent bereits an Weihnachten die finalen Daten, damit er Produktionswerkzeuge und Prototypen fertigen kann. Im Januar kommen dann die Nullserien, diese muss man auf Funktion und Sicherheit testen und freigeben. Darauf folgt im Februar oder März das erste Lieferlos. Der Traumjob beinhaltet, während den Herbst- und Wintermonaten Tag und Nacht zu Arbeiten. Auch Besuche in Asien bei den Produzenten gehören dann einfach dazu – auch wenn ich mich zumindest kulinarisch wohl nie an diese Reisen gewöhnen werde».  

www.quinter.org

Meldung vom 12. Januar 2012 (Autor: tog )
 

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