Fahrradhersteller wie Niner, Orbea, Banshee, Evil oder Diamondback sind Bekanntheiten am Markt. Doch deren taiwanesischer Produktionspartner ist weit unbekannter. Ride hat Pacific Cycles, eine Legende der taiwanesischen Fahrradindustrie, am Firmenhauptsitz besucht.
George Lin, der Gründer von Pacific Cycles, wählt seine Kunden ganz bewusst aus. Er scheut sich auch nicht davor, Anfragen abzulehnen. Wichtig sind für Lin Auftraggeber, die mit Innovationen das Fahrrad weiterentwickeln, Produktionspartnerschaften für «me too»-Produkte kommen nicht in Frage. Pacific Cycles besteht seit 32 Jahren und hat seinen Firmensitz in Taoyuan, circa eine Autostunde von der Hauptstadt Taipeh entfernt. Das Firmengebäude ist nicht nur gross, sondern beherbergt unterschiedliche Abteilungen:
Für Fahrradfans ist das
Bike-Museum, das sich über drei Stockwerke erstreckt, ein gefundenes Fressen. Es reihen sich historische Räder aus den 1900er-Jahren an Kinderlaufräder, es steht auch zahlreiches drei- und vierrädriges Rollmaterial in Reih und Glied. Auch Zugang ins Museum finden die hauseigenen Modelle von Pacific Cycles, doch auch Exemplare aus Partnerschaften sind zu bestaunen, wie etwa die zahlreichen Evolutionsstufen des Birdy-Faltrads von Riese und Müller. Ebenfalls aufgereiht sind frühe Exemplare von vollgefederten Mountainbikes oder etwa Hot Chili-Rahmen, die Lin im Jahr 1993 zusammen mit Peter Denk, heutzutage Entwicklungsleiter bei Cannondale, entworfen hat.
Das Firmengebäude dient im vierten Stock auch als «Pacific Hotel», denn dort werden Kunden beherbergt. So können gemäss Lin die Fahrraddesigner und der Produzent gleich am Ort des Geschehens, Ideen und Visionen diskutieren und die Fahrradentwicklung vorantreiben. Denn dort wo die Administration, das Museum und die Gastherberge keinen Platz einnehmen, passiert das Kerngeschäft: die Produktion von Fahrrädern.
Ausser dem Hydroforming – dem sogenannten Innenhochdruckumformen von Rahmenrohren – wickelt Pacific Cycles sämtliche Schritte für seine Kunden ab. Hier werden Rahmen gebaut, lackiert, mit Logos versehen und anschliessend assembliert und verpackt. Heutzutage beschäftigt das Unternehmen circa 120 Mitarbeiter, wobei 20 Arbeitskräfte als Ingenieure engagiert sind. Produziert werden für taiwanesische Verhältnisse bescheidenen 40'000 Fahrräder pro Jahr – 40 Prozent macht die Eigenmarke aus, 60 Prozent dieses Volumens stellt die
OEM-Produktion.
Lin streicht dabei heraus, dass er sich bewusst dafür entschieden hat, nicht zu den Grossen der Branche zu gehören. Der Firmenpatron nimmt nur Aufträge an, bei denen er eine Innovationskraft des Fahrradherstellers erkennt und macht einen bewussten Umweg um die schiere Massenproduktion. Für Lin kommt auch keine Carbon-Fertigung in Frage, da er das Material und dessen mangelde Wiederverwertbarkeit als zu umweltschädigend erachtet.
Für Lin zählen drei Kompetenzen, die nötig sind um eine innovative Fahrradfirma zu sein. Wichtig sei zuerst ein solides Wissen rund um Werkstoffe, Mechanik, Ergonomie und Physiologie. Zweitens seien gute Kenntnisse im CAD, im Rahmenbau und in der Astethik wichtig. Der dritte Erfolgsfaktor gemäss Lin ist ein gutes Verständnis der Fahrradindustrie und des weltweiten Fahrradmarkts, aber auch eine korrekte Wahrnehmung von Kundenbedürfnissen und Marktpotential sei wichtig, sowie Kenntnisse im Marketing und dem Aufbau einer Marke.
Heute wird George Lin auch als «Pate der Taiwanesischen Fahrradindustrie» benannt. Bereits in den frühen Achtziger Jahren stellte er den Taiwan Bicycle Guide zusammen, um damit die einheimische Fahrradindustrie in aller Welt bekannt zu machen. Schon vor der Gründung von Pacific Cycles arbeitete der ehemalige High School Englisch-Lehrer an der Konstruktion von BMX Rädern. Bereits 1976 gewann Lin Raleigh als Auftraggeber für solche BMX-Räder. Und holte damit den ersten ausländischen Fahrradproduzenten als OEM-Partner hinein ins heutige Veloimperium Taiwan.
www.pacific-cycles.com
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