| Katrin Leumann: «Ich bin einfach so rein gerutscht» |
|
Katrin Leumann stand nicht selten im Schatten von Petra Henzi und Nathalie Schneitter. Aktuell ist sie als Achte beste Schweizerin in der Weltcup-Gesamtwertung. Im Gespräch mit Ride schildert die dreifache Schweizermeisterin den späten Beginn ihrer Karriere und spricht über ihr Solistendasein im Goldwurst-Power-Team.
Katrin, Du bist aktuell die beste Schweizerin Cross-Country-Weltcup, aber Du bist doch noch nicht so im Blickpunkt der Interesses. Liegt das auch daran, dass Du in keinem grossen Team fährst? Ich glaube das stimmt, aber auch weil ich als Juniorin noch nicht dabei war und weil es die U23 bei den Damen erst 2006 eingeführt wurde, als ich schon älter war. Du warst bei den Juniorinnen noch gar nicht auf dem Bike unterwegs? Doch, aber nur in der Funkategorie, Schönwetterfahrerin halt, Mittwochnachmittags und am Wochenende (lacht). Irgendwann hat dann der damalige Junioren-Nationaltrainer Beat Stirnemann gesagt: Wenn er gewusst hätte, dass ich diesen Jahrgang habe, dann wäre ich bei EM und WM dabei gewesen, von den Rundenzeiten her. Für mich war EM und WM ja soo weit weg, ich bin Fun gefahren, ohne Trainingsplan, ohne nichts. Du musst doch in der Funkategorie weit vorne weg gefahren sein. Bist du eigentlich nicht selbst auf die Idee gekommen, eine Lizenz zu lösen? Ja, ich wusste einfach nicht, wie das funktioniert. Meine Eltern sind nicht im Radsport Zu Hause. Jaa, hmm, das stand einfach nie zur Diskussion, es lief einfach. Bis dann eben der damalige Nationaltrainer Andi Seeli und Beat Stirnemann sagten, jetzt musst du aber Lizenz lösen. Dann habe ich das halt gemacht (lacht). Wann hast du überhaupt angefangen mit dem Biken? Zur Konfirmation, mit 15, habe ich ein Bike bekommen. Hast du dir das gewünscht? Ja, ich war da noch nicht mit Schmuck und so. Mein Bruder Christof hat ein Jahr vorher auch eins bekommen und ich dachte, das wäre eine gute Idee. Dann hat das so angefangen. Dann war ich mit dem Andi Seeli in einem Kids-Lager und es war eigentlich die allerletzte Möglichkeit. Das Final-Rennen vom Stromcup in der Kategorie Hard war mein erstes Rennen überhaupt. Dann hätte ich schon eine Lizenz lösen müssen, aber weil ich grade erst angefangen habe, war das kein Thema. Wer hat dich damals unterstützt? Niemand, nur meine Mutter. Das heisst erst als Seeli und Stirnemann... ...ich war ja so enttäuscht, dass ich nicht mehr in so ein Lager gehen konnte, weil ich ja dann Juniorin war. Der Seeli hat auch für Erwachsene ein Lager gemacht und hat gesagt, komm doch einfach da hin. Er hat dann schon gesehen, dass da Potenzial ist. Er hat damals schon an mich geglaubt. Ich habe noch Emails, die er an mich geschrieben hat. In vier Jahren wird es wohl nicht reichen, aber in acht Jahren könntest du ja mal an EM oder WM teilnehmen. Oder Olympiade. Da hat er sich getäuscht! (Lacht). Ja, es war schon nach vier Jahren. Ich habe das Email noch zuhause. Ich finde es erstaunlich, dass er da schon an mich geglaubt hat, obwohl ich noch nicht einmal einen Trainingsplan hatte. Als ich meinen ersten Trainingsplan hatte, da habe ich Seeli allen Ernstes gefragt – meine Kolleginnen lachen mich heute noch deswegen aus – ob ich eine Stunde auch in zwei teilen könnte und zweimal eine halbe Stunde trainieren (lacht). So viel zu meinem ersten Trainingsplan. War der Übergang nahtlos? So einfach war es nicht, vom Fun ins Elitelager. Da gab es damals noch die Barbara Blatter und ich musste auf einmal gegen solche Weltklassebikerinnen fahren. Sie (Seeli und Stirnemann) haben mir das gesagt und ich habe es einfach so genommen, Schritt für Schritt und es ging immer aufwärts. 2003 kam der erste Durchbruch, als ich beim Weltcup in St. Wendel Zehnte wurde. Du hast eine Ausbildung gemacht. Ja, Kindergarten- und Unterstufenlehrerin. 2000 angefangen und 2005 abgeschlossen. Das ist nicht die normale Ausbildungszeit. Nein, normalerweise geht das drei Jahre. Ich habe ein Zwischenjahr gemacht. 2002 war ich eine Saison bei der UCI in Aigle bei Chantal Daucourt, eingefädelt hat das unter anderem Seeli. Der hatte mich 2001 auch mal als Gast zu einem Lehrgang eingeladen, aber er hat gesagt, ich brauche ein Rennvelo, ohne geht das nicht. Aber ich hatte keins. Und dann... ....habe ich einen Tag vor der Abreise eines bekommen und musste am nächsten Tag zum ersten Mal mit einem Strassenrad fahren und das mit der ganzen Nationalmannschaft. Aber da habe ich es grad richtig gelernt (grinst). Du siehst, überall einfach so rein gerutscht. Gab es dann irgendwann einen Zeitpunkt, an dem dir klar war, das mit dem Leistungssport, das könnte für dich was werden? Nach dem Jahr in Aigle war mir klar, dass es schwierig wird, das mit der Ausbildung zu kombinieren. Ich hatte ein Jahr ideale Voraussetzungen, deshalb wusste ich, ich brauchte eine Lösung. Ich bin mit dem Rektor zusammen gesessen, wir haben einen neuen Lehrgang ausgearbeitet und ich konnte das letzte Jahr in zwei Jahren absolvieren Bisher stand Petra Henzi quasi noch vor dir, mit dem Weltmeistertitel im Marathon und dem Erfolg bei den Olympischen Spielen. Ja, aber auch Nathalie Schneitter, weil sie in der U23 Medaillen gewann und dann auch bei der Elite stark gefahren ist. Ist das auch eine Typfrage, dass du eher im Hintergrund stehst? Ich weiss nicht, ich bin ich doch eigentlich ein offener Mensch. Spielt das für dich jetzt eine Rolle, dass sich Petra aus dem Cross-Country zurückgezogen hat? Nein, eigentlich nicht. Sie wäre vermutlich auf ihrem Niveau geblieben und ich denke bei den Jungen ist eher noch Potenzial da, sich weiter zu entwickeln. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich sie mal überholen werde. Du bist jetzt als Solistin für Goldwurst-Power/Sputnik unterwegs und bist erfolgreicher denn je. Ist das für dich ein Vorteil, alles selbst organisieren zu können? Es ist positiv und negativ. Ich wäre gerne in einem grossen Team, klar. Aber für Schweizer Frauen ist es doppelt schwierig, weil es überall bereits einen schnellen Schweizer Mann gibt. Der Teamchef von Trek hat mich letztes Jahr angefragt, aber die Manager in den USA wollten nicht, weil sie mit den Flückiger-Brüder ja bereits zwei Schweizer hatten. Ist verständlich. Andererseits kann ich genau jenes Material fahren, was ich will, und ich kann Rennen fahren, wo ich will, kann anreisen wie ich will. Wie funktioniert es denn konkret? Sputnik, der Bikeladen stellt mir das Bike zur Verfügung und macht die Wartung. Und Goldwurst unterstützt mich finanziell und mit der Bekleidung. Organisieren tu ich selber oder wenn es geht, dann fahre ich mit der Nationalmannschaft, bezahle aber selber. Wer betreut dich vor Ort? Ja, da schau’ ich immer. Kanada habe ich organisiert mit der Four-Cross-Fahrerin Lucia Oetjen. Die hatte ihren Wettkampf dann schon vorbei und konnte mich betreuen. Lucia und ich sind früher zusammen Fun-Rennen gefahren. Nach Madrid habe ich schon meinen Bruder mitgenommen. Du arbeitest auch noch. Mit 47 Prozent Anteil. Mit dem Urlaub ist es ein wenig schwierig, aber ich habe eine sehr verständnisvolle Kollegin, die mich immer vertritt. Ich mache das im Gegenzug natürlich auch. So arbeite ich die drei Wochen vor Offenburg hundert Prozent. Spürst du das, wenn du so ein Arbeitspensum absolvierst? Ja, schon. Wenn ich montags arbeite, dann überlege ich mir schon, ob das Rennen Sonntag strenger war, oder die Arbeit am Morgen. Ich brauche dann ein Powernapping vor dem Training. Aber es ist auch ein Ausgleich und es ist ein festes finanzielles Einkommen, das gibt Sicherheit. Fühlst du dich mehr als Rennfahrerin oder als Erzieherin, Lehrerin? Ich mache beides mit Herzblut, darum kann ich nicht sagen, was wichtiger ist. Ich denke so lange ich so erfolgreich bin im Sport, versuche ich das mit dem Kindergarten so zu verbinden, dass es aufgeht. Aber ich kann mir danach auch vorstellen hundert Prozent zu arbeiten im Kindergarten. Ich kann mir aber auch vorstellen, wenn ein internationales Team kommt, zwei, drei Jahre gar nicht zu arbeiten. Auch ohne Team, fühlst du dich wohl und anerkannt in der Szene? Ja, auf jeden Fall. Mit den Jahren lernt man so viele internationale Fahrer kennen und auch ein Julien Absalon erkennt und grüsst mich, wenn er mich überholt. Das ist wirklich eine angenehme Atmosphäre. Jetzt bist du mit zwei Top-Ten-Ergebnissen in die Saison gestartet. Was sind deine Ziele? (Überlegt). Ich denke, es sollte schon möglich sein, regelmässig Top-Ten zu fahren. Ich hoffe schwer, dass ich mit der Zeit noch weiter vorne anzutreffen wäre. Da ich die Juniorinnen und die U23 praktisch verloren habe, wäre es schön, einmal bei einer Meisterschaft auf dem Podium zu stehen. Es muss alles zusammen treffen, aber ich sehe die Möglichkeit schon, die Chancen stehen nicht so schlecht. Champéry und Val di Sole liegen mir und Mont Sainte Anne auch. Meinen SM-Titel will ich auch verteidigen. Und London 2012? Das ist schon noch mal das Ziel von Anfang an dabei zu sein. In Athen warst du dabei, allerdings erst einen Tag vor dem Rennen als Ersatz für die verletzte Petra Henzi eingeflogen. Ja. Und in Peking war ich nicht dabei. Ich würde schon gerne mal die Olympischen Spiele ganz zu erleben. Bis London ist mein Weg auf jeden Fall klar Mountainbike orientiert. Mental wirkst du ziemlich unbefangen, du gehst locker an deine Rennen heran. Hast du kein Lampenfieber? Das haben mir schon viele gesagt. Und, ist es so? Ja, schon. Es spielt sich sehr viel im Kopf ab. Für Mentaltraining fehlt mir die Zeit, deshalb mache ich es eigentlich nicht, aber ich denke, wenn man so viel neben dran hast, dann bist du nicht so versteift und denkst nicht jeden Tag nur noch ans Radfahren. Ich spiele auch noch Klarinette in einem Ensemble. Das gibt auch eine Lockerheit. Dazu kommt ein gutes Umfeld, das mich auffängt, wenn es mal nicht so nach Plan läuft. Ich spüre schon auch Druck, wenn ich in der ersten Startreihe stehe. Ich selber erwarte von mir was und auch von aussen. Aber mehr zeigen, als ich im Moment drauf habe, kann ich ja nicht. Wenn du immer das Beste gibst, dann ist es das Beste. Nur ist es nicht immer das selbe Resultat. Man erlebt dich auch nach schlechteren Rennen nie deprimiert. Nein, ich kann das relativ gut abhaken. Ich weiß nicht, ob es eine Selbstsicherheit ist, weil ich weiss, dass ich gut trainiert habe und das nächste Rennen deshalb wieder gut laufen muss. Ausser in den beiden Jahren bei Bikepark.ch, da waren schon Selbstzweifel da. Es ist ein Teufelskreis, weil du schon negativ denkst und dann ist es schwierig da wieder raus zu kommen. Du hast dann gekündigt, um da wieder raus zu kommen. Es hat menschlich einfach nicht gepasst. Ich habe es nicht ganz verstanden, aber ich hake es ab als eine wichtige Erfahrung. Es waren keine zwei verlorene Jahre, es hat mich weiter gebracht und ich habe daraus gelernt. Ist es falsch, wenn ich sage, du besitzt jetzt wieder eine Unbeschwertheit, wie man sie bei Kindern noch ganz natürlich antrifft? (Überlegt). Ich denke, ich stehe schon mit beiden Füssen auf dem Boden. So naiv bin ich eigentlich nicht mehr. Unbeschwert, hmm. Ich habe ein gutes Umfeld, es stehen alle hinter mir, da kannst du eben unbefangen heran gehen. Du lachst viel. Jo (grinst). Ich bin immer aufgestellt. Ich drehe es mir so, dass es gut geht. |
Meldung vom 21. Mai 2010 (Autor: eg ) |









Kommentare
Vor Jahren habe ich Dich mal mit Jungs auf einem kleinen Älpli im Tessin mit dem Bike spielen sehen, ich wusste nicht wer Du warst, aber dass ich Dich an den CC Rennen schon gesehen hatte. Seither bewundere ich Deine Art sehr. Ich wünsche Dir dass Du Deine Träume erfüllen kannst, verdient hast Du es Dir!!