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Gallati: «Der 17. Platz gab mir Selbstvertrauen»
Am Sonntag starten die Cross-Country-Biker in England zum zweiten Weltcuplauf. Gut in Szene gesetzt hat sich bisher der Glarner Patrik Gallati, der nach seinem Wechsel zum Team von BMC zu neuer Hochform aufgelaufen ist. Ride wollte von ihm im Interview die Hintegründe erfahren.

Patrik, über dich weiss man in der Öffentlichkeit eher wenig. Kannst du mir mal erklären, wie du zum Mountainbiken gekommen bist.
Mit zehn Jahren habe ich begonnen, bin mit dem Vater gegangen, habe kleine Touren gemacht. Im ersten Rennen erreichte ich Rang 23 von 26 Teilnehmern – und war ein bisschen enttäuscht. Bin dann in dem Jahr kein Rennen mehr gefahren. Ein Jahr später bin ich wieder gefahren, und von da ab ging es ziemlich steil bergauf. Im Jahr 2003 habe ich den Schweizermeister-Titel auf der Strasse und auf dem Bike gewonnen.

Du bist also parallel auf dem Bike und auf der Strasse gefahren?
Ja, bis im Jahr 2004 eigentlich beides. Im Jahr 2005 kam ich zu den Junioren. Da musste ich mich entscheiden wegen den Qualifikationen für die Europa- und Weltmeisterschaften. Da hat es sich mit dem Scott-Swisspower-Team gut ergeben, dass ich gesagt habe, ich setze voll aufs Bike. Wenn du auf die Strasse gehst, dann trainierst du nur noch Strasse. Auf dem Bike machst du hingegen beides, es ist abwechslungsreicher. Das waren die Gründe, warum ich aufs Bike gesetzt habe. Im Jahr 2005 habe ich dann gleich den Europameistertitel auf dem Bike geholt, das war ein weiterer Eckpunkt.

Und aus heutiger Sicht, wie siehst du deine Entscheidung?
Ja, ich bereue überhaupt nicht. Ich konnte viel profitieren von Florian Vogel, Nino Schurter und Thomas Frischknecht. Das Team war ganz in meiner Nähe, auch der Mechaniker.

Könntest du dir aus heutiger Sicht auch vorstellen Strassenprofi zu sein?
Wenn du früher mal Strasse gefahren bist, und dann siehst du deine ehemaligen Konkurrenten die Tour de Romandie oder gar den Giro fahren…

Zum Beispiel?

Gegen Michael Bär (Schweizermeister U23 und Profi beim Team NetApp) bin ich immer gefahren auf der Strasse. Da denke ich, es wäre cool, wenn ich mit dem mal wieder messen könnte. Aber letztlich ist der Bikesport jetzt mein Beruf, und ich habe sehr viel Freude daran. Die Frage stellt sich für mich nicht, ob ich besser auf die Strasse gegangen wäre.

Du warst sechs Jahre beim Scott-Swisspower-Team. Dort war es schwer, hinter Vogel und Schurter aus deren Schatten zu treten. Wie hast du das selbst wahr genommen?

Als ich Junior war, da war es klar, Schurter, Vogel und damals noch Frischi, das sind einfach Topfahrer. Da bist du bildlich gesprochen im Windschatten dieser Fahrer, aber du bist eben im Windschatten. Das war sicher die ganzen sechs Jahre ein bisschen so. Ich konnte viel profitiere. Es war eher von aussen am Schluss, dass mir auch Leute gesagt haben, jetzt hast du zwei WM-Medaillen, aber vom Team her bekommst du doch eigentlich zu wenig Aufmerksamkeit. Aber zu diesem Zeitpunkt war bereits viel geregelt mit BMC. Ich bin einer, der immer nach vorne schaut und nicht zurück. Dass ich vielleicht schon vor zwei Jahren hätte gehen sollen, darüber denke ich nicht nach. Ich hatte eine super Zeit, jetzt hat es eine Änderung gegeben und es ist gut für mich.

Thomas Frischknecht wollte das Team verkleinern, so war es vermutlich ohnehin klar, dass du keinen Vertrag mehr bekommen würdest.
Der ganze Wechsel war schon ein bisschen abzusehen, als Nino Schrter im Jahr 2009 Weltmeister wurde. Da wusste man schon: Der wird mehr kosten. Da wird es wahrscheinlich Veränderungen geben. Schon vor den Europameisterschaften im vergangenen Jahr hat  Frischi gesagt, dass Matthias Rupp und ich nicht bleiben können, weil es strukturelle Änderungen geben würde. Ich fand es eigentlich sehr fair, dass er es zu diesem Zeitpunkt gesagt hat. Es war einerseits hart, aber du wusstest schon früh in der Saison, dass du dich neu orientieren musst. Das hat mir sicher auch geholfen ein neues Team zu finden.

Was war denn das «Harte» dran?
Beim Scott-Swisspower-Team war die Atmosphäre sehr familiär. Ich konnte oft mit Florian Vogel trainieren. Alle Fahrer waren innerhalb von 60 Kilometern zuhause. Da konnte man viel miteinander machen, auch mal Skitouren. Das war eine enge Kollegschaft. Es war hart zu wissen, du warst jetzt sechs Jahre da und jetzt ist es fertig. Aber es ergibt neue Möglichkeiten.

War es schon vorher klar, dass du den Profi-Weg einschlägst?
Das war schliesslich auch eine Entscheidung, die fiel, als ich den Vertrag mit BMC bekam. Das war schon mein Wunsch, Profi zu werden. Ich wollte den Militärdienst, wo du schon vier Monate lang «Profi» in Magglingen war, als Sprungbrett ins Profi-Leben nutzen. Aber klar, dafür brauchst du auch ein Team, das dir das leisten kannst.

Bist du auf BMC zugegangen oder umgekehrt?
Es war Alex Moos, der auf mich zugekommen ist.

Mit welchen Gefühlen bist du da rein gegangen? Es war ein neues Team und Moritz Milatz hast du auch nicht richtig gekannt.
Ja, sehr positiv. Moritz habe ich nicht sehr gut gekannt, aber ich hatte ihn als sympathischen und ruhigen Typ gekannt – vielleicht ein bisschen so wie ich. Balz habe ich natürlich schon gekannt und Alex auch. Ich bin da sehr optimistisch in das Team gegangen. Es war speziell, dass ich wegen dem Militär die ersten beiden Trainingslager nicht mitmachen konnte. Ich bin erst in der Toskana zum Team gestossen, und sie haben mich dort super aufgenommen.

Einen Blick zurück: Stimmt der Eindruck, dass du dir in den ersten U23-Jahren etwas schwer getan hast?
Nein, es waren sicher viele Rennen nicht so super für mich. Ich hatte zwischendrin immer mal wieder ein super Resultat. Zum Beispiel war ich im ersten U23-Jahr Siebter bei den Weltmeisterschaften in Fort William. Aber es waren viele Rennen, die nicht so gut liefen. Im Jahr 2009 war sicher auch kein gutes Jahr, da war ich nicht mal bei den Weltmeisterschaften in Canberra dabei.

An was lag das?
Das ist schwierig zu sagen. Im Jahr 2009 habe ich gemerkt, dass ich Asthma habe. Ich hatte lange Mühe mit den richtigen Medikamenten, bis ich das richtig eingestellt hatte. Im Nachhinein ist schwer zu sagen, ob das schon im Jahr 2007 ein gewisses Problem war. In Fort William hat es dann geregnet und keinen Staub. Während dem Jahr 2010 habe ich es immer besser in Griff bekommen. Aber auch da war ich immer einige Plätze hinter meinen Konkurrenten Martin Fanger und Thomas Litscher, abgesehen von Europa- und Weltmeisterschaften und dem Weltcuplauf in Windham. Ich denke schon, dass es mit dem Asthma zu tun hat. Es ist ja nicht nur das Rennen, sondern du hast die ganzen Monate ein Defizit, du kannst dich nicht so gut erholen.

Es ist zumindest die einzige Erklärung, die du hast?

Der Kopf gehört auch noch dazu. Du siehst die anderen immer ein bisschen weiter vorne. Die EM-Medaille war dann so was wie eine Wende. Einerseits vom Physischen her, aber im Kopf.

Wenn du sagst, «der Kopf»: Was bist du für ein Typ? Wie siehst du dich selbst? Bist du ein Zweifler?
In diesen ersten U23-Jahren habe ich vieles hinterfragt: Warum kann ich auf einmal nicht mehr mithalten? Ich habe daran auch im mentalen Bereich gearbeitet. Jetzt läuft es, und dann ist es auch einfacher, Selbstvertrauen zu gewinnen. Das habe ich jetzt auch. Im Team fühle ich mich wohl. Ich studiere nicht vor jedem Rennen, wo stehe ich, bin ich gut, bin ich schlecht.

Bist du jemand, der gut auf seinen eigenen Körper hören kann?
Vielleicht wäre ich schneller, wenn ich einen Trainer hätte – ich weiss es nicht. Ich glaube schon, dass ich durch die selbständigen Trainings gelernt habe, wie viel Training ich brauche und wann ich Ruhe brauche. Vielleicht wäre es besser mit einem Trainer, aber es hat sich nicht so ergeben. Aber schlussendlich konnte ich immer Fortschritte erzielen.

Machst du auch solche Kraft-Koordinations-Geschichten wie Nino Schurter?
Ich habe viel bei Nino und Flo gesehen und habe dann auch diese Methoden kopiert, habe mir raus genommen, was ich gedacht habe, das bringt mir was.

Wie würdest du dich als Sportler charakterisieren? Wo liegen deine Stärken, deine Schwächen?
Ja, meine Stärken liegen sicher bergauf. Die Schwäche war früher sicher extrem die Abfahrt, die Technik. Das konnte ich sicher sehr minimieren. Das ist sicher noch keine Stärke, aber auf den meisten Strecken verliere ich da nicht viel oder gar nichts. Wenn du da schlecht wärst, hätte es in Mont Sainte Anne sicher nicht zu einer Medaille gereicht hätte. Aber es ist sicher ein Bereich, den ich noch mehr trainieren muss.

Denkst du das hat damit zu tun, dass du bis zu den Junioren viel Zeit auf der Strasse verbracht hast?
Vielleicht. Aber bei mir in der Region war das Mountainbiken auch nicht so verbreitet. Bei Beat Stirnemann in Gränichen, da ist die Technik schon von den Kleinen weg sehr wichtig, die lernen da sehr viel. Bei mir in der Region gab es nicht viele, die technisch gut waren. Als ich im Jahr 2004 in die Junioren-Nationalmannschaft kam, da habe ich sehr viel von Beat Stirnemann profitiert.

Dieses Jahr hat sehr gut angefangen mit Rang 17 beim Weltcup in Pietermaritzburg, dein bestes Resultat überhaupt. Was ist die Erklärung dafür?
Es gibt sicher mehrere Gründe dafür. Einmal ist es das Asthma, das jetzt besser ist. Zum anderen war sicher das ganze Training beim Militär optimal, auch zusammen mit Mathias Flückiger, Thomas Litscher und Martin Fanger. Wir haben uns gegenseitig gefordert. Bestimmt spielt auch das Team eine Rolle und als Profi habe ich jetzt mehr Erholung. Ich muss jetzt nicht mehr am Montag um sieben Uhr in der Firma stehen und arbeiten. Das sind sicher Punkte, die mich schnell fahren lassen. Der 17. Platz in Südafrika war super für mich, aber mir geht es auch um die Konstanz, die ich das ganze Frühjahr schon habe. Das bringt mir Selbstvertrauen, auch für die Weltmeisterschaften. Ich weiss, dass es da nicht nur ein schnelles Rennen braucht. Wenn ich jetzt ein super Resultat habe und vier schlechte, dann gehts nicht mehr. Bei den U23 konnte man sich vielleicht noch ein bisschen durchmogeln, das geht bei der Elite nicht mehr.

Es waren acht Schweizer unter den besten 22 in Südafrika, die Konkurrenz ist unheimlich gross. Wie siehst du das aus deiner Sicht als junger Fahrer?
Ich habe mich eigentlich weniger optimistisch darauf eingestellt. Ich dachte, die Qualifikation für Weltmeisterschaften wird sehr schwer. Aber jetzt nach dem ersten Rennen habe ich gesehen, dass die Chancen nicht so klein sind. Ich war der fünfte Schweizer. Vorher habe ich das pessimistischer eingeschätzt.

Was wäre denn dein persönlicher Traum, wenn du ein paar Jahre weiter denkst in deiner Karriere?
Ein wichtiger Schritt ist jetzt schon mit dem Profi-Vertrag in Erfüllung gegangen. Als 14-Jähriger denkst du, es wäre super, wenn du davon leben könntest. Das ist etwas, was ich schon erreicht habe. Jetzt geht es weiter. Olympia 2012 ist sicher eine Sache, die sehr schwierig wird, aber dann auch die Olympischen Spiele in Rio im Jahr 2016 – das ist sicher ein Hauptpunkt. Dann jeweils die Weltmeisterschaften. Aber ich habe auch Freude, wenn ich sehe, dass ich Fortschritte in jedem Rennen mache. Wenn ich in einem Weltcup vor Ralph Näf oder vor Florian Vogel fahren kann, das sind auch kleine Erfolgserlebnisse, die mich weiter bringen.

Meldung vom 20. Mai 2011 (Autor: tg )
 

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