| Esther Süss: «Ich bin keine Marathon-Spezialistin» |
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Die 36-jährige Esther Süss gehört zu den grossen Überraschungen der Saison. Im Interview mit Ride schildert die Marathon-Weltmeisterin ihre ungewöhnliche Sport-Karriere, die mit Korbball begann und Natioaltrainer Beat Stirnemann und dem RC Gränichen viel zu verdanken hat.
Esther, du bist ziemlich spät in den Mountainbikesport gekommen. Durch wen eigentlich? Durch meinen Freund Erich Birchler. Zuerst bin ich beim Verein gewesen, aber da sind wir mehr auf der Strasse gefahren. Da bin ich meist mit Männern gefahren und habe mich weiter entwickelt. 2003 bin ich meinen ersten Marathon gefahren in Küblis, da hat es mich dann gepackt. Dann bin ich Marathon gefahren und kleine Cross-Country-Rennen bei uns. Eine Saison bin ich Fun gefahren und habe dann, als ich von Ghost ein Angebot bekam, eine Lizenz gelöst. Jörg Scheiderbauer hat dich bei einem Rennen entdeckt. Er hat mich angerufen und gefragt ob ich für sie fahren möchte. Ich hatte keine Ahnung wer das ist. War es bis dahin gar keine Option für dich eine Lizenz zu lösen? Doch das war es, weil ich an der Schweizer Meisterschaft Vierte wurde und alle Preisgeld bekommen haben – nur ich nicht, weil ich keine Lizenz hatte. Da habe ich schon drüber nachgedacht. Hat vorher niemand zu dir gesagt: «Hey Esther, lös mal eine Lizenz!» Nein, niemand (lacht). Auch Dein Freund nicht? Nein, er ist kommt nicht aus dem Rennsport und hatte auch gar nicht den Gedanken. Es war einfach Spass bis dahin? Ja, ja. Und du sagst, in Küblis hat es dich gepackt. Was war das, was dich da gepackt hat? Das war an der Schweizer Meisterschaft. Am Samstag war Cross-Country und wir sind da zuschauen gegangen. Und dann dachte ich, ach, ich würde gerne fahren. Aber ich dachte, nein, ich kann nicht gehen, denn ich hatte mich für eine Woche Biketour angemeldet. Und ich meinte, da kann ich einen Tag vorher kein Rennen fahren. Erich hat aber gespürt, dass ich es möchte und hat gesagt, komm, dann melde dich an. Zum Swiss Bike Masters? Und wie ging es da? Super. Ich war Siebte Overall und Zweite in meiner Kategorie. Da gab es so ein Geweih von einem Steinbock für den Sieger. Und ich habe gesagt, so eines gewinn’ ich auch einmal. Dann bin ich im nächsten Jahr die Transalp gefahren, mit Joe Broder. Der ist nach einem Sturz ausgestiegen und ich bin alleine fertig gefahren. Was hat dich denn an der Cross-Country-SM so gereizt, dass du auch fahren wolltest? Das Messen, der Wettkampf. Sich voll auspowern und das Gefühl danach. Ich habe vorher ja auch Sport gemacht. Welchen Sport denn? Ich habe Korbball gespielt. Und das Gefühl nach der Anstrengung, den gewissen Kick, den das gibt, das mag ich. Sich mit anderen messen und alles aus dir herausholen. Auf welchem Niveau hast du das gespielt? Wir haben mit Villigen in der ersten Liga immer um den Aufstieg in die Nati gespielt. Wie lange hast du das gespielt? 14 Jahre. Und als du mit dem Mountainbike begonnen hast? Habe ich am Anfang noch weiter gespielt, aber ich bin dann auch weg gezogen nach Küttigen. Ich musste eine halbe Stunde fahren und irgendwann habe ich gesagt, es gibt mir einfach zu wenig, als dass ich den Aufwand in Kauf nehmen will. War das dann auch ein Tausch mit dem Biken? Ja, ich denke schon. Du bist auch unabhängiger mit dem Bike. Du musst nicht immer genau zu einer bestimmten Trainingszeit da sein. Dafür bist du mehr alleine, obwohl ich versuche schon einige Trainings mit Kollegen zu absolvieren, das bringt mich weiter und das Training ist interessanter. Korbball ist sicher nicht vorrangig ein Ausdauersport. Hast du vorher nie registriert, dass du da besondere Fähigkeiten besitzt? Doch das habe ich schon gemerkt. Wenn wir 1000-Meter-Läufe gemacht haben, habe ich das schon gemerkt. Aber es war halt nie jemand da, der mich gepusht hätte, meine Eltern waren nicht so sportlich. Sie haben mich unterstützt, ich war im Turnverein, auch mit dem Korbball. Aber Spitzensport, nein, das hat es auch in Villigen nicht so gegeben. Ich kann mich noch errinnern, als ich mal mit meinen Cousin auf einer Radtour war (ich mit dem Dreigänger) sagte er zu mir, du solltest eigentlich Radrennen fahren! So bliebst du lange ein unentdecktes Talent. Ja. Ich habe mal zu meinem Vater im Spaß gesagt, er hätte mich zu wenig gefördert. Da sagte er, ich wusste ja nicht wo, du warst so vielseitig. Was ist eigentlich dein Beruf? Ich bin Lehrerin für Textiles Werken, arbeite aber auch noch einen Abend die Woche im Fitnesscenter und führe mit meinem Freund zusammen einen Bikeshop in Küttigen. Wieviel Prozent arbeitest du als Lehrerin? 55 Prozent. Und das passt mit dem Training noch zusammen? Ja, schon. Mehr als Arbeiten, Training, Schlafen geht allerdings nicht (lacht). Und wenn du länger weg musst nach Übersee? Ich arbeite mehr als 55 Prozent und wenn immer wenn ich weg muss, dann kommt eine Vertretung. Sie ist auch flexibel, sonst würde das nicht gehen. Jetzt bist du so erfolgreich, gibt es bei dir da auch die Überlegung dich 100 Prozent auf den Sport zu konzentrieren? Dafür müsste ich erst mal ein Team haben, das mich finanziert. Geld zum Leben brauchst du halt. Irgendwo hätte ich den Gedanken schon, dass ich das gerne machen würde, aber ich denke auch, die Abwechslung ist auch nicht schlecht. Aber vielleicht, dass ich nicht mehr so viel arbeiten muss. Manchmal ist es halt schon kompliziert, du kommst vom Rennen und musst am Morgen wieder in der Schule stehen, hast halt nicht so viel Zeit zum Regenerieren. Viel mehr trainieren würde ich wahrscheinlich nicht, es hat ja auch Grenzen, aber du hättest mehr Zeit für dich, für Freunde und Familie. Das muss so halt zurück stehen. Wie alt warst du, als du deine Lizenz gelöst hast? 31 Jahre, nein warte, doch wirklich 31 Jahre! Mit 31 hat man ja schon einen gewissen Blick auf das Leben entwickelt, man hat keine allzu grossen Flausen mehr im Kopf und rennt nicht mehr blind drauf los. In dieser Lebensphase sich so sehr auf den Sport zu konzentrieren, viel Freizeit aufzugeben, was hat dich dazu bewogen? Ich glaube, ich bin da so rein gewachsen. Nicht so wie die Kleinen mit sieben Jahren, aber es war so, ein bisschen mehr gefahren, ein bisschen mehr trainiert. Es war ja nicht von einem Tag auf den anderen. Es war schon eine Entwicklung, vielleicht ein wenig schneller, als sie andere durchmachen. Aber es war schon eine Entwicklung und mit dem Erfolg oder, der spornt an, der motiviert, ich hatte Freude daran. So lang du Freude daran hast, bekommst du nicht das Gefühl, du gibst etwas auf. Ich meine, wo ich jetzt schon überall gewesen bin, da wäre ich nie gewesen, wenn ich nicht Biken gegangen wäre. Du hast auch andere Freunde dann, ein anderes Umfeld, es ist wie eine grosse Familie, wenn du an die Rennen fährst. Dein Verhältnis zu deinen Schweizer Konkurrentinnen ist auch ein Gutes? Ich denke doch, ja. Ich wüsste nicht, dass ich mit jemand nicht auskommen würde. Das ist auch gewachsen. Katrin und ich, wir sind jetzt so viel zusammen unterwegs, auch mit den Jungen im Verein beim RC Gränichen, Michelle Hediger, Kathrin Stirnemann, bin ich viel zusammen. Das ist toll, ich lerne von ihnen, sie lernen von mir. Du sagtest, dieser Kick, den es gibt, wenn man sich auspowert, ist das deine Grundmotivation den Sport zu betreiben? Ich bin halt einfach ein Bewegungstyp, ich kann nicht stundenlang irgendwo rum liegen. Am Biken finde ich toll, dass ich es alleine betreiben kann, ich kann es nehmen und raus gehen, in den Wald, auf die Strasse, in die Natur. Wenn ich Stress habe in der Schule, da kann ich abschalten, den Kopf lüften. Dein Leistungssprung, den du in diesem Jahr gemacht hast, ist der auch für dich selbst eine Überraschung? (Lacht) Ja. Ja. Also letztes Jahr habe ich immer gedacht, unter die ersten Zehn zu fahren, das wäre schon was. Mein Trainer Beat Stirnemann hat mich immer motiviert Cross-Country zu fahren. Seit wann ist er dein Trainer? Das vierte Jahr jetzt. Ich denke, klick hat es gemacht letztes Jahr an der WM. Da habe ich gesehen, ich kann die auch schlagen. Ich kann eine Eva Lechner schlagen, eine Natalie Schneitter, kann eine Katrin Leumann schlagen, also all diese Leute, wo ich gar nicht gedacht habe, dass ich das könnte. Und wenn du dann merkst, du kannst die schlagen und die fahren ja auch vorne mit, also dann müsste es dann auch irgendwo drin liegen. Aber dass es dann wirklich grad so klappen würde, das hätte ich nicht gedacht. Ich denke, im Nachhinein, hat es da im Unterbewusstsein klick gemacht. Ich meine es war wunderbar dort als Achte ins Ziel zu fahren, ich habe das Gefühl gehabt, ich hätte das Rennen gewonnen. Als beste Schweizerin, das hätte niemand erwartet, ich meine, die wollten mich ja erst mal gar nicht mitnehmen. Das war schon eine Genugtuung. War es ein bisschen so, dass man dich als Marathon-Fahrerin verkauft hat? Ja, das ist denke ich schon so. Bin ich an ein Rennen gekommen, hat es immer geheissen, die Marathon-Spezialistin, ja, es hat gar niemand damit gerechnet, dass ich auch im Cross-Country schnell fahren könnte. Du glaubst also, der Leistungssprung war vor allem eine mentale Geschichte? Oder gab es doch etwas Handfestes, vielleicht eine Trainingsumstellung oder so? Ich denke, mental ist sicher der grössere Teil. Eben auch an sich glauben. Wenn ich zu meinem Trainer sage, ich bin halt nicht schnell am Start, dann sagt er, nein stimmt nicht, du bist schnell am Start, du musst nur schnell fahren. Am Anfang hatte ich immer Angst, dass wenn ich so schnell starte, dass es mich dann hinstellen würde. Irgendwann hat er gesagt, weisst du was, jetzt startest du so schnell du kannst, ob es dich hinstellt oder nicht, egal. Aber ich möchte, dass du jetzt schnell startest. Aber im Training viel umgestellt habe ich eigentlich nicht. Jörg Scheiderbauer sagte damals, die Esther ist eine echte Granate, von der wird man noch viel hören. Jetzt bist du Weltmeisterin. Das ist unglaublich. Vor allem, wenn mir jemand gesagt hätte, dass ich auf dieser Strecke Weltmeisterin werde, hätte ich gedacht, nein, überall, aber nicht da. Aber ich denke, da ist mir auch das Cross-Country entgegen gekommen. Für dich war das ja ein Schlusspunkt nach einer ganzen Reihe von Rennen. Hattest du keine Angst vor Ermüdungserscheinungen? Ehrlich gesagt, vor der WM hatte ich schon Angst, dass ich ein wenig zu viel Rennen gefahren bin, weil mich die Leute immer angesprochen habe. Ich persönlich habe eigentlich nicht das Gefühl gehabt, weil ich mich eigentlich schnell erhole. Der Trainingsumfang während der Woche ist dann halt nicht groß. Dann geht das auch. Ich kann mich scheinbar sehr schnell erholen. Und wenn du auf einer Welle bist, wo alles klappt, dann ist’s auch einfacher, dich zu erholen. Neben der Startphase spielt im Cross-Country auch die Fahrtechnik eine wichtige Rolle. Wo hast du das her genommen? Ich gehe jeden Mittwoch nach Gränichen, da haben wir immer zwei Stunden Technik-Training. Matthias, Michelle, Katrin und die Kids aus der Gegend. Was ich technisch gelernt habe, das habe ich dort gelernt. Also liegt ein Schlüssel auch bei Beat Stirnemann und in Gränichen. Wie kam der Kontakt zustande? Nach dem Umzug haben wir was gesucht. Wir haben dann in Gränichen Bikes gekauft und der Händler hat gesagt, ich soll doch mal da gehen. Ich meine die ersten Male war das schon eine riesen Überwindung, die Kids fuhren mir da um die Ohren, das war unglaublich. Aber mit 28, 29 Jahren habe ich gedacht, ich kann nicht. Die ersten Male war schon hart. Aber die Kids haben nie gelacht, die haben immer nur motiviert. Hat Stirnemann eigentlich nie gesagt, Esther du könntest ganz weit kommen? Als ich ihn gefragt habe, ob er meine Trainingspläne schreiben möchte, da hat er erst gesagt, ja, ich habe schon so viele und Marathon, weisst du, da weiss ich nicht so genau. Aber dann kam er und sagte, weisst du, ich will es mal versuchen. Dann sagte er, ich sollte unbedingt auch Cross-Country fahren, schon weil die Medien mehr von Cross-Country sprechen als vom Marathon. Und Cross-Country ist ja inzwischen auch für Marathon ganz wichtig geworden. Die Marathons werden ja inzwischen auch gefahren wie doppelte Cross-Country-Rennen. Ja, du kannst die Rhythmuswechsel viel besser mitgehen, als wenn du unglaublich lange Berg hochfahren kannst. Beim Marathon wirst du einfach langsam. Es gibt solche, die können fünf, sechs, sieben Stunden trainieren, aber irgendwann bringts dich halt nicht mehr weiter. Hast du auch deinen Umfang nach unten gefahren und mehr Intensität gemacht? Ich würde das ersetzen: Früher hatte ich vor allem nach Lust und Laune trainiert, machte kaum Ruhetage, da ich immer das Gefühl hatte, trainieren zu müssen. Dabei ist die Erholung die halbe Miete, das musste ich aber zuerst lernen (grinst). Ich trainiere jetzt auch abwechslungsreicher. Wie gehst du eigentlich mit Druck um? Ich bin einfach unglaublich nervös. Grade wenn es ein ganz wichtiges Rennen ist. Da ist für mich das Umfeld sehr wichtig, das merke ich immer wieder, wenn es nicht passt, kann ich die Leistung auch nicht wirklich abrufen. Aber die Nervosität ist nicht leistungsmindernd? Nein, ich glaube nicht. So bald ich ins Pedal eingeklickt bin, dann fällts wie weg, dann kann ich mich wirklich auf das Rennen konzentrieren. Aber den Druck mache ich mir zum Teil auch selber. Ich denke immer, du kannst die anderen auch nicht enttäuschen, dabei wenn ich mein Bestes gebe, dann sind die auch zufrieden. Ich meine, du kannst nicht immer gewinnen, du kannst nicht immer deinen besten Tag haben. Meinst Du, dass den Sport insgesamt ein wenig abgeklärter siehst, mit mehr Distanz, weil du doch so spät erst zum Leistungssport gekommen bist? Ich habe mir diese Frage nochmals überlegt: Ich glaube nicht, dass ich abgeklärter bin, da ich einfach sehr ehrgeizig bin und immer mein Bestes geben will. Ich kann vielleicht besser mit einem schlechten Resultat umgehen, es besser verarbeiten, da ich ja weiss, dass es Wichtigeres gibt als einen Sieg. Aber auch ich brauche die Bestätigung. Ich hatte ja zum Glück bis jetzt mehr Erfolge als Niederlagen. |
Meldung vom 08. September 2010 (Autor: eg ) |







