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Deutsche Velobranche gründet Lobby am Vivavelo-Kongress
In Berlin fand diese Woche der erste Vivavelo-Kongress statt. Ziel der Veranstaltung, die von Vertretern der deutschen Fahrradbranche  ins Leben gerufen wurde: Das Velo soll in Politik und Gesellschaft mehr Gewicht erhalten.

Am vergangenen Montag und Dienstag traf sich die deutsche Fahrradbranche zu einer Premiere in Berlin. Am Vivavelo-Kongress wurden Zukunftsthemen rund um das Fahrrad und seine Förderung besprochen. Das Ziel war es, sowohl brancheninterne Themen zu diskutieren als auch den Rahmen der Branche zu sprengen und eine Lobbyarbeit für das Velo in Politik und Gesellschaft aufzugleisen. In Workshops und Referaten wurden während den zwei Tagen Ideen gewälzt und praxisnahe Weiterbildung betrieben. Das Themenspektrum reichte von «Carbon: Chancen, Risiken Hintergründe» bis zu «Politik und Branche – wer braucht wen?» Der kreative Gedankenaustausch gipfelte zum Schluss in einem Zehnpunkte-Programm mit Forderungen an die Verkehrspolitik, welches von den 300 Teilnehmenden einstimmig verabschiedet wurde.

Grosse Beachtung ausserhalb der Branche
Auch, aber nicht nur deswegen sprachen Veranstalter und Teilnehmer von einem durchschlagenden Erfolg. Gleich von seiner Premiere an hatte Vivavelo eine beachtliche Aufmerksamkeit erhalten. Zur Eröffnung des Kongresses konnten die Veranstalter aus dem Umfeld des kleinen Branchenverbunds VSF (Verbund selbstverwalteter Fahrradbetriebe) mehrere hochrangige Vertreter aus der deutschen Bundespolitik gewinnen. Und mit dem Wirtschaftsmagazin Brandeins stand eine weitum bekannte und anerkannte Zeitschrift als Medienpartner zur Seite. Beachtung fand Vivavelo auch in der Automobilpresse. Dort reagierte man aber eher gereizt auf das erstarkte Selbstbewusstsein der Fahrradindustrie – ein deutliches Zeichen dafür, dass Vivavelo ernst genommen wurde.

Unterstützung quer durch die Industrie

So aussergewöhnlich wie erfreulich ist auch die breite Unterstützung, welche Vivavelo in der Fahrradbranche mobilisieren konnte. Gleich alle drei grossen Zweiradbranchenverbände von Herstellern, Händlern und Mechanikern trugen zum Gelingen des Kongresses bei. Und unter den Sponsoren finden sich so hochkarätige Namen wie der Shimano-Importeur Paul Lange, Schwalbe, Winora, Koga und Flyer. Kein Wunder, denken die Veranstalter bereits über eine Fortsetzung nach: Der zweite Vivavelo-Kongress soll 2012 stattfinden.

www.vivavelo.org

Kommentar aus der Automobilpresse


Die zehn zentralen Forderungen vom Vivavelo-Kongress:

•  Nationaler Verkehrsplan: Die positiven Impulse für den Radverkehr verstärkt werden.

Die Fortschreibung des NRVP ab 2012 mit Benennung klarer und substanzieller quantitativer Ziele, insbesondere die Steigerung des Radverkehrs von 10% auf 25% von 2008 bis 2020 bei Einsparung von PKW-Kurzfahrten im innerstädtischen Bereich.

* Bereitstellung ausreichender Bundeszuschüsse für kommunale Investitionen und Kampagnen in den Radverkehr (Förderprogramm Klimaschutz Radverkehr) Ausweitung der vom Bund begleiteten Modellvorhaben, Projekte und Praxisbeispiele im Rahmen des nationalen Radverkehrsplans. Dies erfordert insgesamt eine Aufstockung der Bundesmittel für den Radverkehr von jährlich € 100 Mio. auf € 1 Mrd. pro Jahr.
Weiterhin sollte die Radverkehrsförderung in den Maßnahmenkatalog zur Umsetzung der Klimaschutzziele der Bundesregierung aufgenommen werden.


• Gleichstellung bei der Förderung: Der Modal Split belegt, dass ÖPNV (öffentlicher privater Nahverkehr) und Radverkehr quantitativ etwa in gleicher Weise genutzt werden. Deshalb ist es nur folgerichtig, dass die Infrastruktur des Radverkehrs von den Bundesländern auch finanziell in vergleichbarer Größenordnung gefördert werden sollte.

• Umsatzsteuerliche Gleichstellung der Produkte und Dienstleistungen rund ums Fahrrad mit dem „Nahverkehr“, also reduzierter Mehrwertsteuersatz von 7%.

• Infrastruktur: Wir brauchen einen qualitativen Sprung für den Radverkehr. Die bisherige Infrastruktur reicht für einen sich weiter entwickelnden Radverkehr nicht mehr aus.
Radfahrer benötigen breitere und sicherere Wege im Sichtfeld des motorisierten Verkehrs.
Kreuzungsarme und großzügig angelegte Schnelltrassen für Radler sorgen für mehr Sicherheit und Komfort.

• Verkehrssicherheit:
Das Unfallrisiko beim Radfahren ist in Deutschland deutlich zu hoch und hemmt die Nutzung des Fahrrads. 37% aller Radnutzer fühlen sich nicht sicher.
Deshalb wird eine Verkehrssicherheitskampagne gefordert, die beim hauptsächlichen Gefährdungsverursacher, dem MIV (Motorisierter Individualverkehr), ansetzt.

• Mentalitätswechsel:
Das Gefahrenpotenzial für Fußgänger und Radfahrer, insbesondere Kinder und ältere Menschen durch zu hohe Geschwindigkeiten im Straßenverkehr ist nicht akzeptabel. Die Fahrradbranche fordert dem gegenüber eine Verkehrskultur des rücksichtsvollen Miteinanders (wie in § 1 StVO vorgeschrieben) sowie ein Recht des Schwächeren. Zur Durchsetzung müssen wirkungsvolle Maßnahmen ergriffen werden.

• PR und Öffentlichkeitsarbeit: Die bisherigen Ansätze von PR-Aktionen pro Radverkehr sind zu einer wirkungsvollen Imagekampagne zu bündeln, die der Bund finanzieren sollte. Ausgangspunkt könnte die aktuelle Kampagne „Kopf an – Motor aus“ des BMU sein, die deutlich aufgestockt und verstetigt werden sollte.

• Rechtliche Rahmenbedingungen: Die bisher erreichten Verbesserungen für Radfahrer in den StVO-Novellen der letzten Jahre sind zu begrüßen und sollten fortgesetzt werden. Die Öffentlichkeit ist über die veränderten Rahmenbedingungen (z.B. Aufhebung der generellen Radwegbenutzungspflicht) wirkungsvoll und nachdrücklich zu informieren.

• Lebensqualität: Besonders in den Ballungsgebieten leidet die Lebensqualität aller Generationen unter den Verkehrsbelastungen. Es gibt zu wenig geschützten Bewegungsraum, besonders für Kinder und mobilitätseingeschränkte Menschen. Weitere Probleme sind die Stress-, Lärm- und Feinstaubbelastungen des motorisierten Verkehrs, die Menschen krank machen und zu hohen Gesundheitskosten führen. Mehr Raum für Fußgänger und Radfahrer erhöht die Lebensqualität und führt zu attraktiveren, lebendigeren Städten.

• Fahrradsozialisation: Aktuell sind Bewegungsarmut und motorische Unterentwicklung häufig festzustellende Defizite bei Kindern. Radfahren unterstützt die gesundheitliche und intellektuelle Entwicklung auf spielerische Weise. Deshalb brauchen Kinder geeigneten Raum zum Radfahren und sollten rechtzeitig an das Radfahren als normalem Mobilitätsverhalten heran geführt werden.


Meldung vom 28. Februar 2010
 

Kommentare 

 
# Fabian Seiler 2010-02-28 20:12
Endlich bewegt sich die Veloindustrie mal auf ihre Kunden zu! Was gute Lobbyarbeit erreichen kann, beweisen uns Bauernverband und Pharmaindustrie zu genüge.

Es wird Zeit, dass sich auch die Schweizer Velohersteller und Händler engagieren.
 

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