| Albert Iten: «Downhill ist interessanter und spannender geworden» |
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Albert Iten ist seit Ende des vergangenen Jahres Nationaltrainer für die Gravity-Disziplinen Downhill und Four-Cross. Iten war Downhill-Weltmeister 1991 und Cross-Country-Europameister 1994. Nach verpasster Olympiaqualifikation im Jahr 1996 beendete er altershalber seine Karriere und übernahm das Elektro-Geschäft seines Vaters. Ride hat sich mit ihm nach den Weltmeisterschaften in Mont Sainte Anne über seine Motivation, seine Ideen und die schwache Leistungsbreite im Schweizer Downhillsport unterhalten.
Albert, du bist seit vergangenen Herbst verantwortlich für den Gravity-Bereich bei Swiss Cycling. Die Situation im Nachwuchsbereich ist nicht eben rosig. Ein paar Junioren haben wir. Freddy Hunziker hat wirklich Talent, er hat noch ein Jahr. Die Förderung wie im Cross-Country ist nicht da, aber es gibt ein paar Ideen. Mit dem iXS Rookies-Cup kann man was machen. Da fahren Schüler ab elf Jahren. Für mich ist das allerdings auch noch neu und so weit hinunter kann ich mich auch nicht kümmern. Da fehlt noch eine Koordinationsperson, aber die Idee ist in den Köpfen. Da, denke ich, müssen wir was machen. Das geht über deine Aufgabe hinaus? Ja, als Natitrainer kann ich das nicht machen. Ich habe im Downhill und im Four-Cross alle Kategorien. Das ist fast ein Fulltime-Job. Da musst du halt Abstriche machen. Aber ich denke, da bleibe ich dran da finden wir eine Lösung. Dein Zeitbudget ist begrenzt. Du hast ja auch einen eigenen Elektrobetrieb. Das bedeutet ja auch, dass du in der Firma fehlst. Ja, das ist so. Aber meine Mitarbeiter finden das cool, dass ich mich für den Sport einsetze. Mir hat der Sport ja auch sehr viel gegeben. Über 20 Jahre und ich denke, es ist auch Zeit da wieder was zurück zu geben. Das Bedürfnis ist bei mir auch da. Du warst ja eine ganze Zeit raus aus dem Sportbetrieb. In wie weit hast du Kontakt gehalten zum Sport. Oder warst du ganz weg? Also was den Spitzensport angeht, da war ich wirklich weg. Hab’ wirklich auch Distanz gebraucht nach so langer Zeit. Bei der Geschäftsübernahme mit 15 Mittarbeitern ist die Herausforderung geblieben, das habe ich auch weiterhin gebraucht. Mit den Jungs im Aegeri Bike-Club habe ich mit Nachwuchsförderung weiter gemacht, mit drei bis vier Bikern habe ich die Trainingspläne kontrolliert und umgesetzt. Die habe ich da gefördert über sieben Jahre. Cross-Country oder Downhill? Das war Cross-Country. Aber mit Schwerpunkt Technik und Schnellkraft. Hast du einen Trainerschein? Nein, das nicht. Aber nach so vielen Jahren hast du da Erfahrung. Ich hatte da mal ein J+S-Kurs Theorie (Jugend-und Sport-Kurs), aber ich komme natürlich aus der Praxis und das prägt mich auch. Als Nationaltrainer besteht der Haupteil sowieso aus organisieren. Du sagst, du hast Abstand gebraucht, hast das Geschäft deines Vaters übernommen. Ist der Job als Naticoach der Wiedereinstieg? Mental kann man sagen, der Wiedereinstieg. Aber sicher nicht mehr körperlich. Ich fahre sicher auch noch hobbymässig Downhill, ich muss das spüren wie das heute abgeht. Sporadisch zumindest. Ein, zwei Mal die Woche fahre ich Cross-Country oder vor allem Freeride. Das macht wirklich Spass auch im Kopf. Da kann ich mir den Psychiater sparen. Wie kam das jetzt zustande, dass man dich gefragt hat, als Ernst Schurter aufgehört hat? Als Ernst demissioniert ist, haben sie überlegt, wer könnte wo wie was und anscheinend hat man meinen Namen irgendwo mal wieder gehört. Dann kam ein Telefonanruf im Oktober. Ich habe gesagt, ich brauche ein paar Wochen Zeit um das zu überlegen. Ich habe mein Umfeld gefragt, mit meiner Familie, mit den Mitarbeitern gesprochen, weil ich sicher zwei Monate weg sein würde. Sie haben gesagt, ja mach doch das, wir helfen dir. Das war schön, das hätte ich nie gedacht, dass der Rückhalt nach wie vor da ist. Dann habe ich gesagt, ich mach es. Klar ich muss auch noch viel lernen, aber ich konnte das eine oder andere den Athleten schon aufzeigen. Klar, die Strecken und Bikes haben sich geändert, aber die Organisation oder das Mentale hat sich nicht geändert, das ist immer noch dasselbe. So wie du es sagst, war es für dich ein reizvolles Angebot. (Lacht) Ich muss sagen der Zeitpunkt war nicht schlecht. Du gehst an die 50, fühlst dich noch jung und fit und denkst, Mann, das kann es ja noch nicht gewesen sein. Man spielt mit dem Gedanken vielleicht einen Marathon zu machen. Oder irgendwas. Ich muss sagen, das war in den letzten zwei, drei Jahren da. Ich verstehe Leute, die wieder anfangen, wie der Schumi bei der Formel 1. Aber im gleichen Sport zurück, das ist schlecht. Wenn schon, dann bisschen was anderes. Diese Herausforderung den Natitrainer zu machen, das ist die viel bessere Option, die ich erhalten habe. Denn du hast da die gleiche Nervosität, du bist ist voll da, als ob man selber fahren würde. Ist doch logisch, das ist Freude. Das hätte ich auch nicht gedacht, aber es ist so. Man fiebert da voll mit. Das ist eine große Sache. Was hast du für einen Eindruck, wie gehen die Jungen, die dich als Rennfahrer ja gar nicht mehr erlebt haben. Spürst du da Respekt vor deiner Erfahrung? Man muss die Welle finden, man geht auf die Jungs zu. Ist doch klar, ich komme ja nicht als Hero. Wenn ich was sehe, dann sag’ ich das, versuch mal so oder so. Manchmal frage ich auch die Athleten, wie macht ihr denn das. Im ersten Jahr muss ich erst mal Beobachten und Erfahrung sammeln. Dann mache ich mir einen Rahmen und schaue, wo liegt noch viel Potenzial. Das ist für mich die Herausforderung. Du warst so lange weg vom Sport. Was ist dein Eindruck im Vergleich zu früher? Ich denke Downhill, das ist ein Spitzensport geworden. Früher hat man das bezweifelt, aber wenn ich mir die Athleten heute anschaue, da ist was dran. Da wird hart gearbeitet. Das gefällt mir sehr. Nur Talent reicht schon lange nicht mehr. Das hat sich geändert. Im Downhill haben wir früher halt nur Cross-Country trainiert, aber Krafttraining nicht gross. Das ganze Training und Umfeld ist dem Skisport sehr ähnlich geworden. Wenn du das auf die Schweizer Szene beziehst. Im Vergleich. Gab es in Deiner aktiven Zeit mehr guten Nachwuchs im Schweizer Downhillsport? Schwer zu sagen, früher war der Downhill- und Cross-Country Sport näher zusammen. Ich denke nicht dass wir da mehr Downhill-Nachwuchs hatten. Downhill und Four-Cross sind noch Randsportarten. Die Betonung liegt auf noch! Downhill und Four-Cross sind kurze Anlässe, da ist Action und Bewegung drin. Die Zuschauer wollen das heute. Ich denke schon, dass es breiter Fuß fassen wird. Vor allem weil das Freeride kommt. Freeride wird jetzt Masse, da ist ein Markt dahinter. Das könnte noch Olympisch werden. Warum ist in der Schweiz die Cross-Country-Fraktion so stark und die Downhiller und die Four-Crosser- mit Ausnahme von Roger Rinderknecht- hängen hinterher? Ich denke die Schweiz präsentiert sich für Cross-Country. Es ist die Sportart, die am einfachsten auszuüben ist, weil du sie vom Haus weg betreiben kannst. Was beim Downhill schon schwieriger ist. Darum gibt es auch weniger Fahrer. Ich denke, die beste Förderung wäre das BMX. Das ist die Basis, dort trennt sich schon früh die Spreu vom Weizen, man kann die Talente entdecken. Kinder können schon mit sechs, sieben Jahren anfangen, es ist eine Runde, die Eltern und Trainer im Blickfeld haben. Wenn da jemand gut ist, der kann nachher alles machen. Das wäre der beste Einstieg und Grundlage, von der die Talente zur Straße, zum Downhill, zum Cross-Country usw. gehen könnten. Aber es müssten dafür in jedem zweiten Dorf BMX-Bahnen stehen. In diese Richtung halte ich auch die Augen auf. Hast du dich selbst eher als Downhiller oder eher als Cross-Country-Fahrer verstanden? Schon beides. Ich habe ja mit Radquer angefangen, mit 14 Jahren. Bergrunter habe ich immer alle abgehängt. Berghoch haben sie mich wieder abgehängt, das war schon früh so. Ich war nie so gut wie der Frischknecht, aber mit der Technik habe ich sehr viel wettgemacht. Ich bin schon eher der Allrounder. Du warst Mitte der 90er noch einer der ganz wenigen, die Beides auf sehr hohem Niveau betrieben haben. Dass es sich jetzt in zwei getrennte Disziplinen gewandelt hat, findest du das logisch oder bedauerst du das auch? Es hat sich eben vieles geändert. Wenn du früher Talent hattest, dann warst du vorne dabei. Das reicht heute nicht mehr. Es ist ganz klar. Heute hat jeder Talent, der dabei ist. Du musst heute spezifisch trainieren, wenn du vorne dabei sein willst. Für Downhill brauchte man früher kein spezielles Training zu machen, das geht heute nicht mehr. Der Sport ist dadurch aber viel interessanter und spannender geworden. In Mont Sainte Anne hattest du die Mannschaft um dich. Nick Beer hatte bei der WM Pech, aber in Windham hat er als Fünfter gezeigt, dass er ganz vorne rein fahren kann. Wie siehst du sein Potenzial? Er hat dieses Jahr körperlich sehr viel Fortschritte gemacht. Das spürt er auch. Jetzt muss der Kopf noch nachkommen. Das Selbstvertrauen ist wichtig. Meine Devise ist, Verletzte nützen uns nichts. Einmal im Jahr ein Resultat und der Rest, was weiss ich nicht was, das ist ein Anfang, aber noch kein Erfolg. Sie müssen lernen das Risiko einzuschätzen. Man spürt das im Rennen. Für einen Unfall, einen Sturz, dafür gibt es immer ein Vorzeichen. Meist ist das in Verbindung mit Nervosität oder Überforderung. Das hat Nick gelernt und trainiert dieses Jahr. Ich denke, an der EM hat er das Selbstvertrauen wieder gekriegt, dass er schnell und sicher fahren kann. Diese Aspekte gehen ganz klar in den mentalen Bereich. Wer kommt hinter Nick und Marcel Beer? In Champéry ist plötzlich Martin Frei unter die besten 50 und Thomas Jeandin sogar in der Quali Rang 28 gekommen. Dominik Gspan und Billy Caroli haben auch gezeigt, dass sie es noch können. Als ich nachfragte, warum es plötzlich ging, kam raus, dass sie es locker, und ohne Druck genommen hätten. Ohne Nervosität kann es funktionieren. Das ist ein Beweis, dass sie es können und dass sie mental noch viel zu wenig an sich Arbeiten. Mal ein gutes Resultat zu fahren, das kann ja sein, aber vorne dabei zu sein über Jahre, das ist harte Knochenarbeit. Dabei will ich ihnen helfen. Da muss man hinschauen, wo kann man was verbessern, wo haben sie noch Potenzial, am Mentalen, am Umfeld, am Bike, am Training, dem Job, im Privaten, überall. Der Kopf muss frei sein für die schnelle Bildverarbeitung beim Downhill und im Four-Cross. Da liegt noch grosses Potenzial. Selbstvertrauen, das ist ein grosses Wort, was dahinter steckt ist schlussendlich eine ganze Philosophie. Emilie Siegenthaler ist die beste Schweizer Dame. Sie hat aber schon noch Luft nach oben, oder? Irgendwo klemmt es bei ihr schon noch im Kopf. Dass sie nicht die Bremsen aufmacht – nach dem Motto, ich kann schnell herunter fahren, aber ich kann auch sicher runter fahren. Frauen haben eine höhere Hemmschwelle. Mut ist gut, Angst ist schlecht. Sie muss einfach sicher sein und sagen, ich kann das. Traust du ihr zu, dass sie mittelfristig unter den ersten Drei mitmischen kann? Es braucht einfach mal ein gutes Resultat. Es steckt in ihr drin, dass sie es laufen lässt. Sie muss noch mehr Spaß kriegen an der Sache. Sie nimmt es vielleicht noch zu ernst. Sie ist noch nicht ganz frei, sie fühlt sich noch zu sehr unter Druck. Der Druck muss noch in ein Sicherheitsgefühl umgewandelt werden. Sie kann das. Das ist auch ein Job für einen Trainer? Ja, ist klar. Solche offene Gespräche soll man mit den Athleten führen. Aber nicht jeder Zeitpunkt ist dafür geeignet. Der persönliche Trainer jedes Athleten hätte da sehr viel mehr Einfluss. Ich als neuer Natitrainer brauche noch Zeit und Vertrauen. Du hast zum Ende deiner Karriere eine grosse Enttäuschung erlebt, weil du die Olympiaqualifikation 1996 gegen Beat Wabel um einen Punkt verpasst hast. Hast du deinen Frieden mit der verpassten Quali gemacht? (Lacht) Ja, sicher habe ich meinen Frieden gemacht. Das ist abgeschlossen. Hat das länger gedauert, damals? Ja, zwei Jahre schon. Nicht, dass mich das verändert hätte. Ich habe eine neue Herausforderung gehabt mit dem Geschäft. Aber es war ein Lehrstück. Man kann im Leben eben nicht alles erreichen. Hey, ich habe so lange gewartet, ich hatte nie einen Titel. Dann mit 28 plötzlich Schweizermeister, Europameister, Weltmeister. Ich kann mehr als zufrieden sein. Der Sport machte mich Glücklich und das wird immer bleiben. Das klingt nach Lebenserfahrung. Das ist das Leben. Es geht aber eben oft an einer anderen Stelle weiter, das ist das Schöne. So habe ich das auch im Privaten erlebt. Man muss offen sein, dem nachgehen was man mag, sich nie verschließen. Immer seine eigene Identität leben. So will ich auch als Natitrainer niemand ersetzen. Ich will ich sein und meine Ideen verfolgen und meine Erfahrung weitergeben. Aber es ist auch wiederum die Entscheidung der Athleten, ob sie das überhaupt wollen. Es ist jedem frei gestellt. Selbstständigkeit, da lege ich sehr viel Wert drauf. Sie müssen mitdenken, das macht ja auch Spaß. Sie müssen ihre Identität umsetzen. Ich kann sagen, hey probier’ mal diesen Weg, aber vielleicht passt ihm dieser Weg einfach nicht. Das muss ich akzeptieren und kein Diktator sein. Jeder ist in seiner Identität am stärksten. Das ist im Job so, in der Beziehung so. Das sind so Top-Grundsätze. Genauso wie der Teamgedanke, der ist mir sehr wichtig. Der Teamgedanke? Ja, sich gegenseitig helfen, motivieren, jeder lernt von jedem. all das. Wenn die ganze Gruppe besser wird, dann ist die Chance grösser, dass mal einer einen Exploit ganz nach vorne schafft. Einzelförderung braucht zu viel Energie. Man muss alle fördern. Das Konkurrenzdenken muss weg. Klar ist der Downhiller ein Einzelsportler, aber miteinander können wir mehr erreichen. Ich glaube das haben sie langsam gecheckt. Egoistisches Alleingänge haben heute keine Chance mehr. Du redest dich in Fahrt. Das Feuer für den Sport brennt noch? (Lacht). Das ist nie weg, das brennt immer. Die Leidenschaft ist da. |
Meldung vom 23. September 2010 (Autor: eg ) |







