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Vor der SM: Das Kreuz mit den Meistertrikots
Wenn am kommenden Wochenende die Region Portes du Soleil zu den Schweizermeisterschaften der verschiedenen Bike-Disziplinen nach Les Crosets lädt, werden einige bekannte Namen fehlen ? oder mit reduzierten Ambitionen starten. Der Grund für die nicht unbegrenzten Ambitionen der Aktiven: Auf den Meistertrikots steht zu wenig Platz für die Sponsoren zur Verfügung, weshalb viele Teams kaum Interesse am Gewinn solcher Trikots zeigen. Der nationale Titel mag zwar gut klingen, rechnet sich aber nicht. Prompt werden manche Favoriten in Portes du Soleil gar nicht, andere nur mit gezügelten Ambitionen an den Start gehen. Obwohl sie dies das Athen-Ticket kosten könnte ? theoretisch.



Die Abwesenden: Sauser braucht Auszeit?

Die strengen Regeln des Weltradsportverbandes bezüglich der Werbung auf Meistertrikots hat ungewollte Folgen: So startete Christoph Sauser beim Worldcup-Auftakt im spanischen Madrid in einem normalen, vor Sponsoren nur so strotzenden Trikot seines Arbeitgebers Siemens Mobile-Cannondale ? und wurde dafür von der UCI prompt mit einer Geldbusse und fünfzig Punkten Abzug in der Gesamtwertung des Worldcups bestraft. Es überrascht daher nur bedingt, dass der Sigriswiler 2004 kurzfristig auf die Verteidigung seines Titels verzichtet. Statt in Les Crosets um Ränge und Sekunden zu kämpfen, wird sich «Susi» mit Freeride-Bike und Rucksack eine Mehrtagestour in den Bergen gönnen. Offizielle Begründung: Nach der dichten Folge von Worldcup-Rennen in den vergangenen Wochenende brauche er eine Auszeit zum Durchatmen.



? und Frischi startet zur Trans Alp Challenge

Die kommenden Tage ebenfalls verplant hat Thomas Frischknecht. Der Altmeister verzichtet auf einen Start an den Schweizermeisterschaften, um zusammen mit seinem Mentor Tom Ritchey bei der «Adidas-Bike Trans Alp Challenge» mitzufahren ? quasi ein rollender Schaukasten in Sachen Bikegeschichte, und mit Garantie eines der schnelleren Teams beim Mehretappen-Rennen vom deutschen Mittenwald via Scuol nach Riva. Damit wird der Weg frei für die jungen Wilden im Bikesport: Allen voran reist Europameister Ralph Näf mit grossen Ambitionen direkt vom Engadiner Höhentraining rüber ins Wallis. Vor einem Jahr blieb ihm ein Podestplatz trotz starken Rennens wegen eines Defekts verwehrt, doch dafür soll es jetzt klappen. Seit sich der junge Thurgauer im Jahr 2000 den Meistertitel bei den Espoirs holte, sinnt er auf eine Wiederholung bei der Elite.



Die zweite Garde fordert Ralph Näf heraus

Wer soll Näf am Gewinn seines ersten Elite-Titels hindern? Da wäre zunächst einmal der Churer Silvio Bundi, der zuletzt aufsteigende Form bewies und den Lauf des Swisspower Cup in Samedan gewinnen konnte ? nachdem Ralph Näf mit Reifendefekt ausgeschieden war. Ebenfalls ein Medaillenkandidat ist Balz Weber: Nach einer verkorksten ersten Saisonhälfte scheint der U23-Weltmeister wieder Tritt zu finden ? und ein Start an den nationalen Meisterschaften ist für den Bachenbülacher Pflicht: «Bis vor kurzem war klar, dass ein Start bei der SM eine der Vorbedingungen ist, um für internationale Meisterschaften selektioniert zu werden. Ich finde es daher Schade, wenn davon abgerückt wird. Denn die Meisterschaften verlieren dadurch an Aussagekraft, der Titel an Prestige.»



Weber hat recht, denn in den Selektionskriterien für Athen hält Swiss Olympic unter «Leistungsanforderungen» fest, dass eine «Teilnahme an den Schweizermeisterschaften obligatorisch ist», eine Sicht, die VSBR-Präsident René Walker bestätigt. Ob nun Sauser und Frischknecht aus der Selektion fliegen? Das ist laut Bike-Koordinatorin Sarah Benzoni von Swiss Cycling eher unwahrscheinlich, da der Verband auf seiner Website nicht ausdrücklich auf diesen Passus hingewiesen und die SM zudem nicht den Status eines Selektions-Wettkampfes habe.



U23: Kaum Absenzen, starke Teilnehmer-Felder

Solche Sorgen kennen die Damen und U23 weit weniger, der positive Werbeeffekt eines nationalen Titels scheint in diesen Kategorien den Verlust einiger Werbefläche am Torso noch aufzuwiegen : Besonders das Rennen der Espoirs verspricht daher Bikesport auf höchstem Niveau, denn der Topfavorit Florian Vogel wird von einer ganzen Reihe von Konkurrenten herausgefordert. Die besten Chancen dürfen sich dabei Lukas Flückiger, Martin Gujan, Raffael Schmid und Fabio Bernasconi ausrechnen. Sollte Vogel wieder ähnliches Pech wie vor einem Jahr im Prättigau haben - Vogel schied damals aus, nachdem sein Hinterrad kollabiert war, steht mit Till Marx teamintern ein weiterer Fahrer bereit, ders aufs Podest schaffen könnte.



Damen: Athen im Hinterkopf, die EM vor Augen

Bei den Damen sind alle Anwärterinnen für ein Athen-Ticket am Start ? also Petra Henzi, Barbara Blatter, Maroussia Rusca, Katrin Leumann und Sonja Traxel. Die Meisterschaft in Les Crosets ist allerdings kein eigentlicher Selektionswettkampf für Athen, im Unterschied zu den Europameisterschaften im polnischen Walbrzych: Daher bleibt abzuwarten, ob alle Starterinnen bis an ihre Limiten gehen werden. Immerhin geht es an der SM um die Selektion für besagte Europameisterschaften. Und in Polen bietet sich bekanntlich die Gelegenheit, um sich mit einem Podestplatz auf dem letzten Drücker ein Ticket für Athen zu ergattern



Rinderknecht: Der Monat Juli gehört dem BMX

Während das Kalkül um die Meistertrikots bei den Sponsorenverträgen grosszügig ausgestatteter Crosscountry-Profis noch einleuchtet, zeichnen sich auch in den Speed-Disziplinen ähnliche Entwicklungen ab. So hat das Team «Kona-Clarks Factory-Les Gets» entschieden, Tracy Moseley nicht an die britischen Meisterschaften zu entsenden, um sich nicht mit restriktiven Regelungen zur Grösse der Sponsoren-Aufschriften herum plagen zu müssen. Etwas anders liegt der Fall im 4Cross der Herren, wo mit Roger Rinderknecht der einzige Schweizer fehlt, der im Worldcup etwas zu bestellen hat ? und für ein internationales Team antritt. Der Winterthurer glänzte zuletzt mit Rang Zwei in Calgary, doch im Juli haben für ihn die Europa- und Weltmeisterschaften im BMX klar Vorrang. Peking 2008 lässt grüssen, wo die Disziplin BMX zum ersten Mal die olympischen Weihen erhält.



Trikotfrage stellt sich auch im Downhill

Auch Marielle Saner und Claudio Caluori waren im Clinch zwischen den Wünschen der Teams und ihrem sportlichen Ehrgeiz. Saner setzte sich daher vor den Meisterschaften mit Vertretern des Verbands zusammen. Denn ihr Sponsor Maxxis-MSC hat bereits drei nationale Meister im Team, das daher auf den Rennstrecken kaum noch als solches erkennbar ist. Daher galt aus der Sicht von Saner's Sponsor die Devise «SM fahren, aber bitte auf keinen Fall gewinnen» - eine aus sportlicher Sicht doch eher kuriose Ausgangslage. Weil sich Saner, die in dieser Saison mit Siegen im Schladminger Worldcup sowie im Maxxiscup auch international zum Siegen gefunden hat, mit dieser Situation nicht abfinden wollte, setzte sie sich mit Vetretern von Swiss Cycling zusammen. Mit Erfolg: Marielle wird am kommenden Wochenende nicht bloss starten, sondern auch auf Sieg fahren. Amélie Thévoz wird also um die Verteidigung ihres Titels hart kämpfen müssen.



Ein Schweizermeister-Trikot in Maxxis-Orange?

Auch aus der Sicht der Mountainbike-Koordinatorin Sarah Benzoni muss Swiss Cycling alles daran setzen, an den nationalen Meisterschaften die stärksten Fahrer am Start zu haben, und zwar mit ungezügelten Siegambitionen: «Das steigert den sportlichen Wert des Titels, und zudem locken erst bekannte Namen die grossen Medien an die Rennstrecke - und sorgen für die bitter benötigte Präsenz auch in Presse und Rundfunk.» Marielle Saner hat von Swiss Cycling die Zusage erhalten, dass man von der UCI eine Änderung der geplanten Regelung bezüglich der Meistertrikots verlangen oder notfalls vorhandene Spielräume ausreizen werde ? zum Beispiel bei der Farbgebung. Der Radsportverband kann dabei mit Unterstützung anderer Verbände wie der Briten rechnen ? mal ganz abgesehen vom Sukkurs der Rennteams. Denn eigentlich gehen die Wirren rund um die Meistertrikots auf unterschiedliche Interessen der Teams und der UCI zurück.




www.swissolympic.ch
www.bikepark.ch
www.bikebiz.co.uk/daily-news/article.php?id=4375

Meldung vom 15. Juli 2004 (Autor: red )
 

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