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Sauser: Ich bin ein fauler Sack
Der Berner Oberländer Christoph Sauser gilt als der beste Mountainbiker der Welt und hat am vergangenen Sonntag die Weltcup-Gesamtwertung frühzeitig für sich entschieden nachdem er die Kristallkugel bereits im letzten Jahr gewinnen konnte. Ride hat mit dem 29-jährigen Rennfahrer nach seinem souveränen Weltcupsieg im Amerikanischen Angel Fire über seine Form und seine Zukunft gesprochen.

Christoph Sauser, herzliche Gratulation zum vorzeitigen Sieg des Mountainbike-Gesamtweltcups. Und dies, obschon du den letzten Lauf in Brasilien ausgelassen hast. Wir hatten dieses Jahr einige Weltcup-Rennen, bei denen Topfahrer schlechte Beine hatten. Ich war der einzige, der sich konstant unter den ersten fünf klassiert hat - und das hat sich jetzt ausbezahlt. Auf das Weltcup-Rennen in Brasilien habe ich verzichtet, weil ich mich hier auf 2500 Metern über Meer bereits auf die Weltmeisterschaften vorbereite. Dass es trotzdem zum Sieg im Gesamtweltcup gereicht hat, ist natürlich erfreulich.

Der Mountainbike-Weltcup ist dieses Jahr aber geprägt von abwesenden Spitzenfahrern. So hat beispielsweise der amtierende Weltmeister und Olympiasieger, Julien Absalon, ganz auf die Rennen in Übersee verzichtet.
Es ist sehr schade, dass Julien nicht hier ist und sich der Herausforderung nicht stellt. Er schadet damit dem Prestige des Mountainbike-Rennsports. Ich fahre eigentlich immer alle Weltcup-Rennen, das ist ja mein Beruf. Auf das Rennen in Brasilien habe ich einzig deshalb verzichtet, weil die Terminierung denkbar ungünstig ist. Drei Rennen hintereinander, für die man drei mal den Kontinent wechseln muss - das ist zu viel.

Wenn man deine Karriere analysiert, stellt man fest: Am Anfang der Saison fährst du zwar regelmässig unter die ersten Fünf, die Siege kommen aber erst später.
Ich bin Anfang Saison mental oft noch nicht ganz bereit, mir fehlt der nötige Siegesinstinkt. Wenn du im Mountainbikesport Weltcuprennen gewinnen willst, musst du den Sieg unbedingt und zu jedem Preis wollen. Ich bin in den ersten Rennen aber meist mit einer Topplatzierung bereits zufrieden - und das reicht für den Sieg einfach nicht.

An Wettkämpfen hat man das Gefühl, du bist ein Taktiker, der nie aus der Ruhe zu bringen ist.
Eigentlich bin ich ein fauler Sack in den Rennen und ich versuche, die Siege so einfach wie möglich zu holen. Ich bin nicht jemand, der ein Rennen auf den ersten Metern entscheiden will um dann voll am Limit den Vorsprung ins Ziel zu retten. Da ich in der zweiten Rennhälfte meist noch Kräfte mobilisieren kann, sage ich mir jeweils: Die hole ich schon wieder ein. So ein Fahrstil ist auch interessanter für die Zuschauer, kann für mich aber auch «in die Hose» gehen.

Du bist im Mountainbikesport wohl der grösste Material-Fetischist. Was hat das an sich?
Es ist einfach cool wenn du am Start sagen kannst: Ich habe das beste Bike von allen. Ich brauche das aber nicht aus psychologischen Gründen, ich will einfach aus Prinzip das beste Bike. Es macht mir aber auch einfach Spass, mit meinen beiden Mechanikern das Letztmögliche aus dem Material rauszuholen. Es sind auch diese beiden Mechaniker, die meinem Material einen aufwändigen Rennservice verleihen, den sonst kein anderes Team im Bikerennsport kennt.

Dein Team und dein Umfeld als Rennfahrer sind seit Jahren die selben.
Konstanz ist mir extrem wichtig. Ich brauche ein eingespieltes Team, auf das ich mich voll verlassen kann. Wir sind aber unterdessen auch eine richtige Familie geworden und wenn ich ins Höhentraining reise, kommt der ganze «Clan» mit. Das ist viel wert und ich behaupte, dass wir das beste und routinierteste Rennteam im Mountainbikesport sind.

Du bist einer der wenigen Rennfahrer, die ausschliesslich auf vollgefederte Mountainbikes setzen. Warum?
In Sachen Gewicht und Steifigkeit kann unser Rahmen mit allen ungefederten mithalten. Aber wir haben zusätzlich auch das Hinterrad gefedert. Das bringt dir vor allem in ruppigen Flachpassagen viel, wo du viel ruhiger fahren kannst. Ich könnte mir jedenfalls nicht vorstellen, wieder zurück auf ein «Hardtail» zu wechseln. Kommt hinzu, dass ich zusammen mit «Cannondale» massgeblich an der Entwicklung dieses Federsystems beteiligt bin und meine Wünsche und Ansprüche voll mit einfliessen lassen konnte.

Wie wichtig ist im Mountainbikesport die Reifenwahl?
Die wird immer wichtiger weil wir immer spezifischere Profile haben. Ich habe den Winter durch in Südafrika alle Profile meines Reifensponsors Maxxis getestet und weiss nun genau, bei welchen Bedingungen ich welchen Reifen aufziehen muss. Das gibt mir Ruhe und Sicherheit vor den Rennen.

Man hört, Maxxis bringe einen speziellen Sauser-Reifen heraus.
Das stimmt, «Crossmark» wird er heissen und kleine Schweizerkreuze im Profil haben. Ich war massgeblich am Profildesign des Reifens beteiligt und er ist eine Weiterentwicklung des «Larsen TT». Gemäss meinen Informationen sollte er noch in diesem Jahr auf den Markt kommen.

Einer deiner grössten Gegnern scheint das schlechte Wetter zu sein?
Bei schlechtem Wetter bringe ich einfach keine Spitzenleistungen hin, dafür umso mehr bei trockenen Bedingungen. Mich nervt es, dass sich unser Sport bei unterschiedlichen Wetterbedingungen komplett ändert. Statt auf dem Bike müssen wir uns im Regen zu oft zu Fuss durch den Schlamm quälen weil viele Strecken nicht regentauglich sind. Im Skisport werden Rennen zum Beispiel abgesagt, wenn das Wetter nicht gut genug ist. Niemand erwartet von einem Skifahrer, dass er statt dessen einfach auf den Skischuhen die Piste runter rutscht.

Ist das nicht ein erhebliches Defizit als Spitzenathlet?
Das ist es tatsächlich. Aber ich bringe meinen «Motor» bei kühlen und nassen Temperaturen einfach nicht auf Touren, damit muss ich leben. Ich bin in allen anderen Konditionen dafür sehr ausgeglichen. Für mich spielen beispielsweise der Streckencharakter oder die Höhenlage keine Rolle.

Du verzichtest auch dieses Jahr auf die Schweizermeisterschaften. Wäre die Teilnahme für Fahrer deiner Grösse nicht eine Selbstverständlichkeit?
Die Schweizermeisterschaften liegen genau während meinem Höhentraining hier in den Vereinigten Staaten. Es ist aber auch so, dass mein Team überhaupt kein Interesse am Titel hat. Wer den Meistertitel gewinnt, muss darauf alle Rennen im Trikot des nationalen Meisters fahren, auf dem nur sehr beschränkter Platz für Sponsoren ist - und die wollen verständlicherweise nicht, dass ich in einem «neutralen» Jersey fahre.

Noch fehlt dir ein ganz grosser Sieg an Weltmeisterschaften oder an Olympischen Spielen.
Das stimmt und ist gleichzeitig meine grosse Motivation. Ich möchte dieses Jahr an den Weltmeisterschaften Anfang September in Livigno unbedingt den Titel holen, das ist mein grosses Ziel. Das ist auch der Grund, warum ich statt nach Brasilien zu fliegen, mich drei Wochen hier in der Höhenlage New Mexicos aufhalte. Danach komme ich in die Schweiz zurück um mich im Engadin weiter auf die Weltmeisterschaften vorzubereiten. Ich hoffe, dass ich in exzellenter Verfassung in Livigno antreten.

Und wie geht es mit Christoph Sauser weiter in der Zukunft?
Mein grosses Ziel sind die Olympischen Spiele in Peking, da habe ich noch eine Rechnung offen. Danach trete ich höchst wahrscheinlich vom Spitzensport zurück, wenn möglich auf meinem sportlichen Höhepunkt. Und zwar nicht, weil ich nicht mehr gerne Mountainbike, sondern weil ich einfach etwas anderes machen möchte. Und die berühmte «Saison zuviel» werde ich nicht fahren. Ich bin kein Rennfahrer, der «hinten rein» fährt.




Meldung vom 14. Juli 2005 (Autor: red )
 

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